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Neue Beiträge und Leitartikel 

BÜCHER- & PRESSESCHAU
  Mario Andreotti: Eine Kultur schafft sich ab

ANTRAG AN DEN REGIERUNGSRAT DES KANTONS BERN

Antrag zur Förderung des Deutschen als angestammte Minderheitensprache im Berner Jura im Zusammenhang mit der Förderung  der Zweisprachigkeit im Kanton Bern und der Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (ECRM) Mehr dazu...

Sprachenrecht: Die Schweiz und die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (ECRM)
Zweisprachigkeit und ein modernes Sprachenrecht für den Kanton Bern

Die deutschsprachige Bevölkerung im Berner Jura - Plaidoyer für eine vergessene Minderheit

Rechtschreibung: ein offenes Kapitel
Ist neu immer besser? Zu den laufenden Schulreformen
Die Samen im hohen Norden und ihre Sprache(n) 
Schutz und Förderung sprachlicher Minderheiten in Schweden

Leitartikel

SPRACHENRECHT IN DER SCHWEIZ: ZEIT ZUM HANDELN
Die Schweiz und die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen (ECRM)

Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen wurde von der Schweiz am 23. Dezember 1997 ratifiziert und trat am 1. April 1998 in Kraft. Die Schweiz verpflichtete sich damit zu Schutz und Förderung ihrer sprachlichen Minderheiten. In Art. 7 Abs. 2 der Charta heißt es:
Die Vertragsparteien verpflichten sich, sofern dies noch nicht geschehen ist, jede ungerechtfertigte Unterscheidung, Ausschliessung, Einschränkung oder Bevorzugung zu beseitigen, die den Gebrauch einer Regional- oder Minderheitensprache betrifft und darauf ausgerichtet ist, die Erhaltung oder Entwicklung einer Regional- oder Minderheitensprache zu beeinträchtigen oder zu gefährden. Das Ergreifen besonderer Massnahmen zugunsten der Regional- oder Minderheitensprachen, welche die Gleichstellung zwischen den Sprechern dieser Sprachen und der übrigen Bevölkerung fördern sollen oder welche ihre besondere Lage gebührend berücksichtigen, gilt nicht als diskriminierende Handlung gegenüber den Sprechern weiter verbreiteter Sprachen.
Eine erste Folge dieser Verpflichtung war Art. 70 Sprachen in der neuen Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (BV) vom 18. April 1998:
Dieser Verfassungsartikel nimmt in Abs. 2 zusammenfassend das Schutzgebot der ECRM auf:
Die Kantone bestimmen ihre Amtssprachen. Um das Einvernehmen zwischen den Sprachgemeinschaften zu wahren, achten sie auf die herkömmliche sprachliche Zusammensetzung der Gebiete und nehmen Rücksicht auf die angestammten sprachlichen Minderheiten.
Abs. 3 betrifft die Kohäsion zwischen den Sprachgemeinschaften, und Abs. 4 sagt den „mehrsprachigen Kantonen“ Unterstützung zu bei der „Erfüllung ihrer besonderen Aufgaben“. Abs. 5 wendet sich den beiden zahlenmäßig schwächsten Landessprachen zu:
Der Bund unterstützt Massnahmen der Kantone Graubünden und Tessin zur Erhaltung und Förderung der rätoromanischen und der italienischen Sprache.
Dieses besondere Augenmerk findet auch seinen Niederschlag im Bundesgesetz über die Landessprachen und die Verständigung zwischen den Sprachgemeinschaften, kurz Sprachengesetz (SpG) vom 5. Oktober 2007.

Das Sprachengesetz und die besondere Förderung von Rätoromanisch und Italienisch 
Das SpG enthält allgemeine Aussagen zum Sprachenrecht, auf die wir weiter unten noch zu sprechen kommen. Der 5. Abschnitt sichert den Kantonen Graubünden und Tessin, Organisationen und Institutionen sowie Verlagen, welche zur Erhaltung und Förderung des Rätoromanischen und Italienischen beitragen, Finanzhilfe von bis zu drei Vierteln der Gesamtkosten zu.
Als Folge davon werden jährlich Finanzhilfen von mehreren Millionen Franken gewährt. Dazu kommt der Ausbau von RTR, der Radio Televisiun Rumantscha. Die italienische Schweiz hat seit langem eine eigene Radio- und Fernsehanstalt mit Vollprogramm.
Am 1. Januar 2008 ist das Sprachengesetz des Kantons Graubünden in Kraft getreten, welches die angestammten Sprachen sehr weitgehend schützt. Es garantiert zwar den Status quo, legt aber im übrigen fest, dass Gemeinden mit einer Quote von über 40% von Sprechern des Italienischen oder Rätoromanischen als einsprachig italienisch bzw. romanisch gelten.
Es scheint, dass die Gesetzgebung auf den Bestand der sprachlichen Minderheiten in Graubünden stabilisierend gewirkt hat. Die Forcierung von Rumantsch Grischun durch den Kanton hat jedoch den Sprachfrieden beeinträchtigt; unterdessen sind fast alle Gemeinden zu ihren regionalen Schriftsprachen als Amts- und Schulsprachen zurückgekehrt.
Seit dem Inkrafttreten der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen für die Schweiz sind Italienisch und Rätoromanisch vom Bund also kräftig gefördert worden. Italienisch ist allerdings nur im Bund Minderheitssprache: zwar gleichberechtigt, aber de facto tritt es hinter Deutsch und Französisch zurück. Deshalb legt der Bund Wert darauf, dass die Italienischsprachigen in der Verwaltung, besonders auch in den Kaderstellen, gemäß ihrem zahlenmäßigen Anteil an der Schweizer Bevölkerung vertreten sind. Zu diesem Zwecke ist eine Quotenregelung getroffen worden, die nach Aussage der einschlägigen Statistik gut eingehalten wird.
Im Kanton Tessin hingegen ist Italienisch eindeutig Mehrheitssprache, alleinige Amtssprache und in der Gesellschaft unbestritten die Hauptsprache. Der Kanton gilt auch für den Bund als einsprachig italienisch.

Schutz und Förderung des Französischen
Französisch erfährt als Minderheitssprache durch den Bund zwar keine Förderung und finanzielle Unterstützung, aber im offiziell zweisprachigen Kanton Bern gibt es seit 2006 zwei offizielle Organisationen, welche sich für die Belange der französischsprachigen Minderheit einsetzen: den Conseil du Jura bernois (CJB; Bernjurassischer Rat (BJR)) und den Conseil des affaires francophones de l’arrondissement de Biel/Bienne (CAF; Rat für französischsprachige Angelegenheiten des Verwaltungskreises Biel/Bienne (RFB)).
Im Wallis ist Französisch nirgends Minderheitssprache; im Kanton Freiburg ist seit dem 1. Januar 2005 die neue Verfassung in Kraft, welche Deutsch und Französisch rechtlich gleichstellt. Der Kanton nimmt zunehmend seine sprachliche Brückenfunktion wahr und macht sie zu einem Standortvorteil. Die französischsprachige Minderheit in Murten und Umgebung profitiert vom Zugang zu französischsprachigen Schulen und davon, dass die deutschsprachige Mehrheit in der Regel gut Französisch spricht.

Wo bleibt der Schutz für Deutsch als Minderheitensprache?
All animals are equal, but some animals are more equal than others.
(George Orwell, Animal Farm)

Bund
Die besonders hervorgehobene Stellung von Italienisch und Rätoromanisch in der BV und im SpG hat dazu geführt, dass der Bund in zwanzig Jahren nicht wahrgenommen hat, dass es in unserem Lande auch deutschsprachige Minderheiten gibt, obwohl die Deutschsprachigen insgesamt in der Mehrheit sind.
In einer Studie von 2015   heißt es: „Der Bund hat das Rätoromanische und das Italienische als Regional- oder Minderheitensprachen im Sinn der Charta definiert und den Förderungsbestimmungen unterstellt.“ Der Bund handelt immer noch nach dieser Definition. Sie mag einmal gestimmt haben, doch sie ist jedenfalls nicht auf dem neuesten Stand. Die Liste der Minderheitssprachen, welche das ECRM führt, umfasst neben Italienisch und Rätoromanisch auch Frankoprovenzalisch, Französisch, Deutsch und Jenisch (nachgeführt am 28. April 2020). Das heißt: Art. 7 der Charta schützt und fördert eben auch Deutsch in den Kantonen und Gemeinden, wo es eine angestammte Minderheitensprache ist. Dieser Auftrag zu Schutz und Förderung ist übrigens auch in Art. 70 Abs. 1-4 der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (BV) enthalten sowie in den Artikeln 2 Abs. a-c und 3 Abs. a-d des Bundesgesetzes über die Landessprachen und die Verständigung zwischen den Sprachgemeinschaften (SpG).
Der Bund muss deshalb rasch umdenken, um der Verfassung und dem Sprachengesetz nachzuleben. Er hat sich mit der Annahme der ECRM vor über zwanzig Jahren dazu verpflichtet, selbst wenn er die Konsequenzen für den Schutz und die Förderung deutschsprachiger Minderheiten damals vielleicht nicht erkannte oder beabsichtigte.

Kanton Bern
Der Kanton gibt sich in seiner Verfassung  ebenfalls den Auftrag, „seinen sprachlichen, kulturellen und regionalen Minderheiten ... Rechnung zu tragen.“ (Art. 4 Abs. 1 KV)
In Art. 5 KV wird dem Berner Jura “eine besondere Stellung zuerkannt”, um “seine sprachliche und kulturelle Eigenart” zu erhalten. Zu dieser Eigenart gehört auch, dass der Berner Jura kulturell und sprachlich nicht homogen ist, sondern auch die Heimat einer kleinen, aber seit langem in der Gegend verwurzelten Minderheit.
In der Expertengruppe zur Förderung der Zweisprachigkeit, deren Bericht im November 2018 herauskam, waren keine Vertreter der deutschsprachigen bernjurassischen Minderheiten vertreten, obwohl sie mit ihrer faktischen Zweisprachigkeit für eine Verständigungspolitik Vorbildcharakter haben und in die Arbeit Wertvolles hätten einbringen können. Im Bericht der Expertengruppe über die Zweisprachigkeit selbst sucht man deshalb Hinweise auf diese angestammte Minderheit vergeblich, obwohl es immer wieder heißt: „Je kleiner eine Minderheit ist, umso mehr muss sie geschützt werden.” Die deutschsprachigen Bernjurassier werden vom Kanton weder geschützt noch überhaupt als schützenswert betrachtet.
Wo liegen die Schwierigkeiten? Diese sind historischer, politischer und psychologischer Natur. Auf die historische und politische Dimension soll hier nicht im einzelnen eingegangen werden. Nur soviel:  Auf den Vorwurf der germanisation rampante im Berner Jura antwortete der Kanton Bern von 1948 an mit einer ziemlich aggressiven Assimilationspolitik: Es war erklärtes Programm, die noch vorhandenen, meist von Mennoniten geführten deutschen Volksschulen allmählich aufzuheben oder in französische Schulen umzuwandeln. Dieser Prozess ist seit 2018 mit der Schließung der Schule von Schelten abgeschlossen.
Der Vorwurf der schleichenden Germanisierung traf und trifft ins Leere, wie die Studie eines Neuenburger Professors zeigt. Vielmehr haben wir es mit einer francisation rampante zu tun, welche, wenn man es kokett ausdrücken will, zuerst die romanische Bevölkerung erfasste, welche bis ins 19. Jahrhundert nicht Französisch, sondern Patois oder vielmehr Franc-Comtois oder Frankoprovenzalisch (auch Arpitanisch genannt) sprach, eine Sprache, die jetzt auch vom Bund als Minderheitensprache anerkannt worden ist.
Im Berner Jura wird im allgemeinen ein sehr gepflegtes Französisch gesprochen; der Stolz scheint nachzuwirken, das Patois überwunden zu haben und eine Hochsprache mit Prestige zu sprechen. Die berndeutschen Dialekte erscheinen aus dieser Perspektive als etwas Rückständiges. Die Ablehnung des Deutschen wird aber ebenso als Folge des fehlenden geschichtlichen Bewusstseins zu erklären sein. Dieses Bewusstsein fehlt aber heute auch dem Kanton Bern als Ganzem und insbesondere seinen politischen Vertretern.

Kanton Tessin
Die sprachliche Sonderstellung des Dorfes Bosco Gurin, das seit der Mitte des 13. Jahrhunderts die Heimat von deutschsprachigen Walsern ist, wird vom Kanton Tessin durchaus wahrgenommen. Allerdings wurde Hochdeutsch an der Schule im 20. Jahrhundert nur minimal unterrichtet. Wegen Schülermangels besuchen die wenigen Kinder Gurins seit 2002 die Schule in Cevio. Es steht auch eine Gemeindefusion an; damit ist die kleine sprachliche Minderheit stark bedroht. Verhandlungen mit dem Kanton sind im Gange. Für den Minderheitenschutz gibt es übrigens in der ECRM keine zahlenmäßige Untergrenze.

Was ist zu tun?
Der Bund und insbesondere der Kanton Bern müssen in ihrer Politik einen „Paradigmenwechsel“ vollziehen. Dem Kanton Bern obliegt es, den Glücksfall der faktisch zweisprachigen deutschbernischen Minderheit im Berner Jura den welschen Bernjurassiern nahezubringen und auf die Vorteile Gewicht zu legen, welche diese bereits vorhandene Zweisprachigkeit für die Brückenfunktion des Kantons innerhalb der Schweizerischen Eidgenossenschaft bringen kann und für die Verständigung und Kohäsion zwischen den beiden Sprachgemeinschaften innerhalb des Kantons. Ebenso wichtig ist der wirtschaftliche Standortvorteil des Kantons, zu welchem diese Minderheit vermehrt beitragen kann. Ängste sind unbegründet und können leicht entkräftet werden.
Das Umdenken und konsequente Handeln ist dann aber auch ein Lehrstück für den Respekt vor Minderheiten:. Wie heißt es schon wieder im zitierten Expertenbericht? „Je kleiner eine Minderheit ist, umso mehr muss sie geschützt werden.”
Die Zeit drängt, und der Kanton hat einiges gutzumachen. Die Entschuldigung des Kantons bei den Mennoniten vom Jahre 2017 genügt nicht, es ist Wiedergutmachung nötig. Als Erstes muss den Kindern deutschsprachiger Familien die Gelegenheit geboten werden, in der Schule auch Hochdeutsch auf muttersprachlichem Niveau zu lernen. Dafür werden die Welschberner mit ihrer Hochachtung für die Hochsprache gewiss Verständnis haben.
Rennie Wyß

Valär, Rico Franc et al. Die Unterstützung des Bundes für das Rätoromanische. https://www.zora.uzh.ch/id/eprint/162333/1/Valar_Vitali_Andrey_in_Bisaz_Glaser_2015.pdf

Abrufbar auf https://www.coe.int/de/web/european-charter-regional-or-minority-languages/sprachen-der-charta

Frédéric Chiffelle: L'Arc jurassien romand à la frontière des langues. Faut-il craindre la germanisation? Edition Payot, Lausanne 2000.

ZWEISPRACHIGKEIT UND EIN MODERNES SPRACHENRECHT
FÜR DEN KANTON BERN

Gute Ansätze
Der Kanton Bern will die Zweisprachigkeit fördern. Einiges ist bereits geschehen, z. B. mit dem Angebot einer zweisprachigen Lehrerausbildung und dem Ausbau zweisprachigen Schulunterrichts auf allen Stufen. Schüleraustausch über die Sprachgrenze hinweg soll intensiviert werden. Die Vereinbarung BeNeFri der Universitäten Bern, Neuenburg und Freiburg vereinfacht den Besuch und die Anrechenbarkeit von Lehrveranstaltungen zwischen den beteiligten Universitäten. In der Hauptstadtregion arbeiten Bern und Neuenburg zusammen, um mit Sprachtandems die Zweisprachigkeit der Verwaltungsangestellten zu verbessern.
Sprachenrecht mit Lücken und Mängeln
Die neue Zweisprachigkeitsoffensive des Kantons gibt ihm aber auch die Gelegenheit, vergangene Fehler wiedergutzumachen und sich an internationalen Standards des Schutzes sprachlicher Minderheiten zu orientieren, vor allem an der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen (ECRM). Die Schweiz ratifizierte dieses Abkommen 1997 und setzte es am 1. April 1998 in Kraft. Umgesetzt hat sie es aber nur mangelhaft, und das gilt auch für den Kanton Bern. Dieser hat zwar die Rechte und Möglichkeiten seiner französischsprachigen Bevölkerung in den letzten siebzig Jahren stets ausgebaut; gleichzeitig hat er aber der angestammten deutschsprachigen Minderheit im Berner Jura diese Rechte nicht nur vorenthalten, sondern systematisch eingeschränkt, um sie zu assimilieren und in der Mehrheitsbevölkerung aufgehen zu lassen. Der Kanton hat bisher nicht gemerkt oder nicht merken wollen, dass hier Handlungsbedarf besteht.
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Corona oder eine Sprache wird beschädigt
von Mario Andreotti

Das Corona-Virus hat nicht nur viele Menschen infiziert, sondern auch die Sprache, unser Reden. Da gibt es allem voran jene Wörter, die aus dem Englischen zu uns oder, besser gesagt, über uns gekommen sind. Oder die wenigstens so tun, als würden sie von dort stammen. «home office» ist ein solches, geradezu inflationär gebrauchtes Wort. Dabei meint dieses Wort in England nicht etwa das Büro zu Hause, das Arbeiten von daheim, sondern ist die offizielle Bezeichnung für das Innenministerium. Wenn schon ein englisches Wort verwendet werden soll, so müsste es zumindest «homework» lauten - ein Wort, das nichts weiter als «Heimarbeit» meint und das in der deutschen Sprache für eine Lohnarbeit, die zu Hause verrichtet wird, längst etabliert ist. Wozu also der englische Ausdruck «home office», der das Gemeinte nicht einmal trifft? Ähnlich ergeht es dem völlig unnützen Ausdruck «home schooling», für den wir das deutsche Wort «Heimunterricht» haben, das erst noch jedermann versteht.
Nicht viel anders steht es um den englischen Ausdruck «social distancing», den viele unter uns nicht einmal richtig aussprechen können. Der Ausdruck müsste deutsch mit «sozialer Distanzierung» übersetzt werden, was aber im Zusammenhang mit Corona nichts oder nur ganz am Rande etwas zu tun hat. Gemeint ist im Deutschen nur eine räumliche Distanz der Menschen, ein Abstandhalten, was in Wirklichkeit dem englischen Ausdruck «physical distancing» entspräche. Die vermeintlich englischen Ausdrücke, derer wir uns mit Vorliebe bedienen, erweisen sich damit nur allzu oft als reinstes «Scheinenglisch», so wie einst aus dem Mobiltelefon das Handy wurde. Warum dann nicht einfach den deutschen Ausdruck «Abstand halten» gebrauchen, der genau sagt, was gemeint ist?
Wer kann schon den genauen Unterschied zwischen «lockdown» und «shutdown» erklären?
«Lockdown» bedeutet so viel wie «Sperrung», «Shutdown» bezeichnet ein «Herunterfahren», ein «Stilllegen», wie es bei der amerikanischen Bundesverwaltung der Fall ist, wenn wieder einmal kein neues Haushaltsgesetz vorliegt, weil sich Senat, Repräsentantenhaus und Präsident nicht rechtzeitig darüber einigen konnten. Warum dann nicht gleich die gängigen deutschen Wörter «Kontaktverbot» und «Stilllegen» verwenden? Aber Englisch wirkt halt so modern, so trendy, so snappy, wie es Deutsch offenbar nicht kann, auch wenn viele von uns kaum wissen, was die englischen Wörter, wie etwa das vom Bundesrat bis zum Überfluss verwendete «Contact-Tracing», deutsch genau meinen. Die Romands machen es da besser: Statt von «lockdown» sprechen sie von «confinement» und von «télétravail» anstelle von «home office». Ausdrücke, die für alle Französischsprechenden sofort verständlich sind.
Zur Corona-Welt zählen auch deutsche Wörter, die wir zwar dauernd benutzen, die aber eine neue Bedeutung erhalten haben. Eines dieser Wörter ist «Normalität». In Corona-Zeiten haben wir ja gerade keine Normalität, weshalb das Wort zur besseren Unterscheidung den Zusatz «neu» erhalten hat. «Vorsichtig und voller Freude in die neue Normalität» konnte man in den letzten Tagen in einigen Zeitungen als Titel lesen. Doch aus sprachlogischer Sicht ist die Sache klar: Entweder ist ein Zustand normal oder er ist es nicht. Etwas dazwischen, eine «neue Normalität», gibt es nicht.
Doch zurück zum penetranten Hang zu möglichst vielen Anglizismen, so dass aus dem Deutschen ein «Denglisch» wird. Dabei ist der historisch gewachsene Wortschatz der deutschen Sprache mit über 500'000 Wörtern breit genug, um selbst für heikle Situationen wie der Corona-Krise passende Wörter zu finden, auch wenn hier nicht einem Sprachpurismus, der jedes Fremdwort verbieten will, das Wort geredet werden soll. Die Politiker, aber auch die Medien stehen mit Blick auf die Verunstaltung unserer deutschen Sprache durch unnötige Anglizismen in der Verantwortung - einer Verantwortung, die sie noch vermehrt wahrnehmen müssten. Vielleicht würden wir Deutschsprechenden einen «lockdown» für englische Ausdrücke brauchen.

Mario Andreotti ist Dozent für Neuere deutsche Literatur und Buchautor (Eine Kultur schafft sich ab.) S. Besprechung auf https://bernerland.ch/sprachkreis/sprache-und-gesellschaft/eine-kultur-schafft-sich-ab.html).

Mit spitzer Zunge überquert Laurence Boissier
den Röstigraben

https://www.srf.ch/sendungen/schnabelweid/franzoesisch-und-berndeutsch-laurence-boissiers-safari
Die Genferin Laurence Boissier ist trotz Schweizer Literaturpreis in der Deutschschweiz wenig bekannt. Ihr neues Buch «Safari» taugt auch für Französischscheue. Sie liest in Luzern, Zug und Bern.
Céline Graf 12.04.2019
S. auch: https://www.srf.ch/sendungen/schnabelweid/franzoesisch-und-berndeutsch-laurence-boissiers-safari

Laurence Boissier

Laurence Boissier sieht sich als Französischsprachige im Spoken-Word-Kollektiv «Bern ist überall» nicht als Exotin. (Bild: Julien James Auzan)

Sprachtandems (2. September 2019)
Die Hauptstadtregion Schweiz lädt Verwaltungs-angestellte dazu ein, Sprachtandems zu bilden, um ihre Zweisprachigkeit zu verbessern.
Die Methode: SprachTANDEMs® basieren auf münd-licher Kommunikation und Kulturaustausch und sind die ideale Methode, eine andere Landessprache auf lockere und kreative Art zu lernen. Die TANDEM-Partner treffen sich 12-mal innerhalb von 6 Monaten. Die Treffen finden, wenn möglich, alle zwei Wochen statt, dauern jeweils 90 Minuten (45 Min. Französisch und 45 Min. Deutsch) und werden von den jeweiligen TANDEM-Partnern organisiert. Die Sitzungen bestehen aus Konversation, Lesen, Rollenspielen, Vokabular erweitern usw., je nach den Bedürfnissen der Partner.
Die nächste Informationsveranstaltung und TANDEM-Bildung findet Ende Oktober statt:
Mittwoch, 31. Oktober 2019 um 17.30 Uhr in Neuenburg (Hôtel de Ville, Saal «Péristyle»)

 Anmeldung: www.zweisprachigkeit.ch

Le Valais redécouvre son bilinguisme
(Le Temps, 19.06.2019)
Das Wallis entdeckt seine Zweisprachigkeit wieder

Der Nouvelliste Valaisan und der Walliserbote bieten der Leserschaft ein vergünstigtes Abon-nement auf die jeweils andere Zeitung an. Seit der Eröffnung des Lötschberg-Tunnels hat sich das Oberwallis noch stärker an Bern angelehnt, und die beiden Kantonsteile haben sich noch etwas mehr auseinandergelebt.
Der Kanton unternimmt aber einiges, um den Zusammenhalt im Kanton zu sichern, indem er die kulturelle Vielfalt, die Zweisprachigkeit und den Austausch zwischen den beiden Sprachregionen fördert. Schon in der Primarschule werden die Kinder vor allem spielerisch an die Zweitsprache herangeführt und damit Lernbarrieren abgebaut. Im Unterwallis werden in den großen Ortschaften zweisprachige Klassen für die ganze Schulzeit angeboten. Dasselbe Angebot ist für die Kantons-schulen in Brig und Sitten in Vorbereitung. Näch-
stes Jahr nehmen gut hundert Schülerinnen und Schüler aus dem Unterwallis ihre Ausbildung auf der Sekundarstufe im deutschen Teil des Kantons in Angriff, während 79 aus dem Oberwallis den um-gekehrten Weg gehen.
Schüleraustausch ist bereits sehr beliebt, er dauert zwischen einer Woche und einem Jahr. Im kom-menden Schuljahr absolvieren über vierzig junge Leute aus dem Unterwallis ein Jahr im Kollegium Brig, anderseits beziehen 13 aus dem Oberwallis ein Gymnasium im französischen Kantonsteil.
Der Sprung über die Sprachgrenze lohnt sich: Die Walliser Jugend schneidet in der Zweitsprache landesweit mit am besten ab. Auch viele vorge-fasste Meinungen über den andern Kantonsteil werden auf diese Weise geändert.

https://www.letemps.ch/suisse/valais-redecouvre-bilinguisme


Zweisprachig im Wahlkampf - Freiburg ist ein besonders hartes Pflaster

Wer im Kanton Freiburg in die eidgenössischen Räte gewählt  werden will, muss Deutsch und Franzö-sisch beherrschen, um in allen Bezirken Stimmen zu erhalten. Die französischsprachige Nadine Gobet (FDP) aus dem Bezirk Greyerz spricht im Alltag nur Französisch, auch im Kantonsparlament. Seit zwei Jahren verbessert sie ständig ihre Deutsch-kenntnisse, hat aber immer noch Mühe, sich auf Deutsch auszudrücken.  Auch die deutsch-sprachige Olive Haymoz (Grüne) kämpft um den Einzug in den Nationalrat.  Dem Fernsehen SRF gab sie zum erstenmal ein Interview auf Deutsch. 
Unsicherheit im Französischen
Die 23-Jährige Oliver Haymoz hingegen spricht gut Französisch und hat sogar die Matura zweisprachig absolviert. Trotzdem habe sie grossen Respekt, wenn sie auf Französisch ein Interview geben müsse: «Sage ich etwas, was ich eigentlich gar nicht so gemeint habe?»
In den beiden Sprachgemeinschaften erhalten zwar die Kandidaten der eigenen Sprachregion mehr Stimmen, doch ist auch die Parteizugehörigkeit wichtig. Nationalrat Rime von der SVP holt mehr Stimmen in Deutsch- als in Welsch-Freiburg. (Herr Rime spricht aber ausgezeichnet Deutsch...
Red.)

https://www.srf.ch/news/schweiz/wahlen-2019/wahlen-2019-kantone/wahlen-2019-freiburg/zweisprachig-im-wahlkampf-freiburg-ist-ein-besonders-hartes-pflaster

Mit den sieben Geisslein in die Zweisprachigkeit hüpfen (NZZ 16.6.2019)

In Nancy hat es ein Schulleiter durchgesetzt, dass seine Primarschüler an der Ecole Stanis-las zweisprachig unterrichtet werden. Zuerst musste er sein Kollegium vom Nutzen des zweisprachigen Unterrichts überzeugen; dann bewilligte die regionale Schulverwal-tung das Projekt und finanzierte Deutsch-stunden für Lehrer am Goethe-Institut. Der Bürgermeister der Stadt ist dem Projekt günstig gesinnt, und die Schulverwaltung Nancy-Metz denkt ähnlich. In Nancy gibt es für Französisch und Eng-lisch sowie Französisch und Deutsch Immersions-unterricht: Nicht nur die Zweitsprache selbst, son-dern auch mehrere Schulfächer werden auf Englisch bzw. Deutsch unterrichtet. Ein wichtiges Argument für die Förderung des Deutschen ist die wirtschaft-liche Bedeutung der Sprache, sowohl für Grenz-gänger als auch für Leute, die in den vielen deutschen Firmen, die sich im französischen Moselgebiet nieder-gelassen haben, Karriere machen wollen.

https://www.nzz.ch/international/frankreich-deutsch-unterricht-als-karriere-chance-ld.1483245?reduced=true

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE DEUTSCHSPRACHIGE BEVÖLKERUNG IM BERNER JURA
Ein Plaidoyer für eine vergessene Minderheit

Natürlich darf dabei der Minderheitenschutz nicht vergessen werden, denn je kleiner eine Minderheit ist, umso stärker muss sie geschützt werden.
(Bericht der Expertenkommission über die Zweisprachigkeit, S. 5, 23, 31, 107.)

Der Berner Jura wird politisch und weitgehend auch rechtlich als einsprachiges Gebiet behandelt, also ob er ebenso eindeutig französischsprachig wäre wie etwa das Emmental deutschsprachig. Dieses Bild entspricht nicht der Wirklichkeit. Im Berner Jura gibt es von alters her eine deutschsprachige Minderheit, die seit gut siebzig Jahren zunehmendem Assimilationsdruck ausgesetzt gewesen ist. In der Hoffnung, damit die Sezession des Nordjuras zu vermeiden, hat der Kanton Bern aktive Assimilationspolitik betrieben.
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Deutsch aus dem FF oder FFF? Dreifachschreibung von Konsonanten abschaffen! Die Rechtschreibreform von 1996 ist zwar gemildert worden, entfaltet aber in ihrer modifizierten Form von 2006 immer noch Unheil. Kein Wunder, dass Verlage ihre eigenen Wege gehen und die Regeln nach eigenem Ermessen abändern.
von R. Wyß
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FÖRDERUNG DER ZWEISPRACHIGKEIT
IN ÄMTERN UND SCHULEN DES KANTONS FREIBURG

Vortrag von Frau Claudine Brohy, Dr. phil., Universität Freiburg i.Ü., Lyss, 8.2.2019.
Niemand in der Schweiz kennt sich in Praxis und Forschung der Mehrsprachigkeit besser aus als Frau Brohy, Dr. phil. Mehr dazu...