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DIE DEUTSCHE SPRACHE IN LITERATUR, GESELLSCHAFT UND POLITIK
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DIE MÄR VOM RECHTSCHREIBFRIEDEN
Rudolf Wachter

Im Jahre 1996 haben die Kultusminister Deutschlands, Österreichs und der Schweiz (hier: EDK) einen grossen Fehler begangen: Sie haben die sogenannte Rechtschreibreform 1996 in Kraft gesetzt. Dies geschah auf Anraten einer «Kommission für Rechtschreibfragen», in der ein Dutzend Germanisten sassen, die seit 1977 auf ihre Stunde gewartet hatten, unter sich jedoch heillos zerstritten waren. Wie Aussteiger berichtet haben, beschloss die Kommission über die zahllosen vorgeschlagenen Reformpunkte per Mehrheitsentscheid. Dabei gab es, wie in den Parlamenten, Lobbying- und Koalitionseffekte: Stimmst du für meinen Vorschlag, unterstütze ich den deinen. Dass dabei schliesslich eine völlig konzeptlose «Reform» übriggeblieben ist, verwundert nicht. Dies müssen einige Minister noch gemerkt haben. Der Germanist Theodor Ickler, Kritiker der ersten Stunde, berichtete in der FAZ vom 10.11.2000 (Nr. 262, S. 44): «Am 1. Juli 1996 sollen die Kultus­minister der deutschsprachigen Länder gezögert haben, ihre Unterschrift unter die Absichtserklärung zur Durchführung einer offenkundig unausgereiften Rechtschreibreform zu setzen. Erst als eine der anwesenden Personen einwarf, Bertelsmann habe schon gedruckt, unterschrieben sie. Tatsächlich lag am nächsten Morgen die ‹Neue deutsche Rechtschreibung› des Medienkonzerns in allen Buchläden.» Icklers Darstellung wurde nie dementiert, auch nicht, dass ein Hauptzweck der Reform gewesen war, dem Duden das in jahrzehntelanger, diskreter und aufwendiger Arbeit wohlerworbene «Monopol» an der deutschen Rechtschreibung zu entreissen und dieses – und damit die Hoheit über ein wichtiges Stück Sprache – in die politische Exekutive zu holen.
Der Sturm der Entrüstung in der gesamten Bevölkerung war gewaltig und anhaltend. Zahlreiche Wissenschafter zeigten schonungslos mit den Fingern auf die Mängel und Fehler der Reform. Die von dieser verursachte «Verschmutzung» in der schriftlich festgehaltenen deutschen Sprache wurde sofort deutlich sichtbar, da sich viele – wohl nicht selten aus Frustrationen, die noch aus der Schulzeit stammten, – blindlings in die Neuerungen stürzten, viele andere aber nicht daran dachten (und denken), sich an die neuen Regeln zu halten. Tatsächlich versucht die Reform, zwei langfristige Entwicklungstendenzen der deutschen Rechtschreibung umzudrehen, indem sie unter dem Strich zurück zu mehr Gross- und mehr Getrennt­schreibung geht. Dass diese Stossrichtung kaum Erfolg haben konnte, war sogleich abzusehen, zumal sie nicht einmal in kohärenter Weise umgesetzt wurde (neu waren z. B. auch hungers sterben, an Eides statt, irgendjemand, zurzeit). Wie diese Reform das Schreiben vereinfachen sollte – denn so lautete der Anspruch, mit dem sie auftrat –, war nicht einzusehen. Aber die Politik stellte auf stur und beharrte auf der beschlossenen Verbind­lichkeit der Reform für die Verwaltung und die Schulen. Zahllose Erlasse und Dienstanwei­sungen, interne Vorschriften in Tausenden von Behörden und öffentlichen Institutionen, aber auch in Unternehmen, Verlagshäusern usw. zeugen davon. (Was das kostete!) Zur Besänfti­gung der Gemüter und zur Korrektur der ärgsten Fehler wurde 1997 eine «zwischenstaatliche Kommission» eingesetzt, in der allerdings zum grossen Teil wieder dieselben Wissenschafter bzw. ihre Schüler sassen. Als Korrekturvorschläge von dieser Kommission (wen wundert’s?) nur sehr zögerlich kamen und verschiedene Medien, z. B. die FAZ, die Geduld verloren und zur herkömmlichen Schreibung zurückkehrten, während andere, z. B. die NZZ, Hausregeln schufen, wurde die Kommission 2004 kurzerhand abgesetzt und neu ein über 40köpfiger «Rat für deutsche Rechtschreibung» eingesetzt. Dieser legte 2006 eine modifizierte Version der letzten «amtlichen Regelung» von 2004 vor. Einige der verfehltesten Reformschreibungen wurden darin stillschweigend wieder gestrichen, aber solche Fälle sind an einer Hand abzuzählen. Bei sehr vielen Neuschreibungen, die auch nach zehn Jahren noch kaum Akzeptanz gefunden hatten, wurde kurzerhand die herkömmliche Schreibweise als «Variante» wieder gestattet. Dies wurde dann von den Politikern als grandioser Fortschritt gefeiert. Sie proklamierten, nun sei der Recht­schreibfriede wiederhergestellt. Das war reine Augenwischerei, in Wirklichkeit war dies der zweite Kapitalfehler dieser unseligen Reform, denn eine Rechtschreibung taugt nur, wenn die unentschiedenen Fälle verschwindend selten und seit längerem in natürlichem Übergang begriffen sind (z. B. tendentielltendenziell, ein Fall, der nichts mit der Reform 1996 zu tun hat). Hier aber wurden durch die sogenannten «Varianten» Hunderte solcher Fälle per Dekret geschaffen! Der Grund für die halbbatzige Reform der Reform ist klar: Auch im «Rat» sassen (und sitzen) noch immer die vehementesten Reformer, und diese stemmen sich mit aller Kraft gegen echte Korrekturen an «ihrer» Reform.
Aus der neuen amtlichen Regelung 2006 bedienen sich seither die Wörterbücher: Duden – wegen langjähriger personeller Verquickung – zunächst betont re­formfreundlich, Wahrig (Bertelsmann) dagegen eher herkömmlich. Pikanterweise gehören beide seit 2009 Cornelsen. Wahrig wurde nach der letzten Ausgabe 2011 im Jahre 2014 eingestellt. Duden existiert weiter, krankt aber an dem schweren Makel, seine Unabhängigkeit 1996 der Reform geopfert zu haben. (Was würde wohl sein kluger Gründer Konrad Duden dazu sagen?) Gerettet hat sich der Verlag dadurch, dass er sich vor der Übernahme 2009 nochmals kräftig in Szene gesetzt und abgesahnt hatte, und seit 2009 profitiert davon Cornelsen: In den zwanzig Jahren seit der Reform ist durchschnittlich alle dreieinhalb Jahre (1996, 2000, 2004, 2006, 2009, 2013, 2017) eine Neuauf­lage des Rechtschreibdudens erschienen, vorher waren es jeweils sechs oder sieben Jahre gewesen. Die genauen Auflagezahlen werden zwar von jeher geheimgehalten, sicher ist aber, dass diese Reform- und Reform-der-Reform-Auflagen noch viel höhere Verkaufszahlen generierten als die früheren, denn nun änderte sich ja von Mal zu Mal mehr als vorher in fünfzig Jahren. (Was das wiederum die Bevölkerung, die Schulen und die Ämter kostete!) Vom «Rat für Rechtschreibung» aber hat man, obwohl seine gut 40 Mitglieder regelmässig tagen, seit dem modifizierten Regelwerk von 2006 praktisch nichts mehr gehört – abgesehen von einer 2010 erfolgten Abschaffung eines guten Dutzends erfolgloser Eindeutschungen (z. B. Kreme und Krem), einer geradezu lächerlichen Korrektur angesichts der misslichen Gesamtlage. Der «Rat» ist handlungsunfähig und deshalb irrelevant.
Die Misere hält an
Am meisten leiden die Schüler (und ihre Lehrer) unter der leidigen Situation. Zuerst, zwischen 1996 und 1998, mussten sie umlernen, dass Es tut mir leid fortan mit grossem L zu schreiben sei. 2006 wurde diese Schreibweise wieder verboten. (Die Kommunikation war aber nun so «diskret», dass das zu vielen bis heute nicht durchgedrungen ist!) Ebenso mussten sie 1996 Hunderte von Adjektiven und Verben umlernen, die neu getrennt zu schreiben waren, z. B. wohl bekannt, so genannt (aber abgekürzt nur sog.!), frisch gebacken, auseinander gehen. An den vier Beispielen lässt sich schön zeigen, wo der Rückbau der Reform steckengeblieben ist: bei frischgebacken und auseinandergehen ist der Rückbau komplett, bei wohl bekannt und so genannt gibt es die falsche Getrenntschreibung noch, wird die Zusammenschreibung aber immerhin schon empfohlen. Bis heute ist jedoch aus Refor­merkreisen nicht der Pieps eines Eingeständnisses erfolgt, dass Dies ist dir ja wohlbekannt semantisch nicht dasselbe ist – und auch nicht gleich ausgesprochen wird – wie Dies ist dir ja wohl bekannt und dass die beiden deshalb auch unterschiedlich geschrieben werden sollten, so wie dies in herkömmlicher Schreibung der Fall war. Und für einen frischgebackenen Doktor oder Ehemann wird zwar inzwischen die Reform-Getrenntschreibung nicht einmal mehr aufgeführt, aber ein frisch gebackenes Brötchen darf laut Duden auch frischgebacken geschrieben werden. Die klare, logische und einfache herkömmliche Regelung («konkret: getrennt; übertragen: zusammen») ist also noch immer nicht ganz wiederhergestellt. Man negiert somit bis heute, dass die herkömmliche Regelung besser war, und lässt bewusst einen Teil der «Verschmutzung» bestehen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie es hinter den Kulissen zugeht, wenn im «Rat» von Zeit zu Zeit einer vorzuschlagen wagt, man möge doch diesen letzten Rest Unklarheit aufgeben und wieder ganz die herkömmliche Regelung propagieren!
Von den ungünstigen Schreibungen wieder abzurücken fällt allen, die sich für die Reform stark gemacht hatten, schwer. Wer gibt schon gerne eigene Fehler zu! Auch Duden lässt sich entsprechend widerwillig zur Vernunft bringen: Die gedruckte Ausgabe von 2009 empfahl bei Strom sparend (und auch Raum sparend) immer noch die Reform-Getrenntschreibung, bei energie­sparend aber bereits wieder die herkömmliche Zusammenschreibung. Bald darauf kehrte die Online-Fassung auch bei strom- und raumsparend zur herkömmlichen Zusammenschreibung zurück, so dass die ge­druckte und die Online-Version ein paar Jahre lang Unterschiedliches empfah­len. Erst seit der gedruckten Ausgabe von 2013 ist die Zusammenschreibung wieder die einhellige Empfehlung. So kehrt das berühmte Referenzwerk klammheimlich, Schrittchen für Schrittchen, zur herkömmlichen Schreibung vor 1996 zurück. Dies geschieht jedoch auf völlig intransparente Weise: Erstens ist die Tendenz zur Rückkehr noch nie klar offengelegt worden. Zweitens läuft auch dieser Prozess noch inkonsequent ab: Obwohl furchterregend längst wieder zusammenge­schrieben empfohlen wird, ist die herkömmliche Schreibung furchteinflössend bis heute nur als Nebenform geduldet. Derartiges gibt es zuhauf. Duden ist nicht mehr – oder jedenfalls noch längst nicht wieder – die Autorität, die er bis zur Ausgabe 1991 verdientermassen war. Er müsste sich unabhängig machen, aufrichtig Abbitte leisten und dann kräftig durchgreifen! In seiner aktuellen Verfassung ist er dazu unfähig, denn das Privileg der amtlichen Regelung ist ihm durch die Reform entrissen worden. Er gebärdet sich nach wie vor wie eine Autorität, rennt aber in Wahrheit nur noch hinterher.
Wo stehen wir heute?
Die Lösung der verfahrenen Situation wäre im Grunde genommen ganz einfach; so, wie die Lage ist, muss sie aber von anderer Seite kommen. Analysieren wir, wo wir heute stehen! Wir haben soeben gesehen, dass sich die her­kömmliche Zusammenschreibung, weil sie seit 2006 in gleichberechtigter Konkurrenz zur Reform-Getrennt­schrei­bung steht, allmählich wieder durchsetzt. Dagegen herrscht im zweiten grossen Reformbereich, der Gross- und Klein­schreibung, nach wie vor Nulltoleranz gegenüber den herkömmlichen Schreibungen – abgesehen von wenigen Spezialfällen wie Es tut mir leid. Denn im Jahre 2004 haben die damals noch streng reformgläubigen Kultusminister dem neuen «Rat für Rechtschreibung» – zweifellos auf vorgängiges Ersuchen der Reformer – «verboten», diesen Themenbereich überhaupt anzupacken. So sind in der amtlichen Regelung von 2006 in vielen Fällen ausschliesslich die Reform-Grossschreibungen erlaubt, und daran hat sich bis heute nichts geändert: im Übrigen, im Voraus, im/zum Vornherein (aber nur: von vornherein), im Einzelnen, im Besonderen (aber weiterhin: insbesondere), nicht im Geringsten, es steht nicht zum Besten, jdn. zum Besten halten, jedes Mal. In anderen Fällen aber gilt durchaus noch die herkömm­liche Kleinschreibung, oder es steht Reform-Grossschreibung als Variante neben herkömm­licher Kleinschreibung. So gilt heute: die beiden, ein bisschen, vor allem, der Erstere, der Eine/eine, der Andere/andere, der Dritte, zu eigen machen, sein Eigen nen­nen, bei Weitem/weitem, im Weiteren, ohne Weiteres/weiteres, aufs Beste/beste, ein andermal, ein Mal/einmal. Eine haarsträubende, völlig konzeptlose Regelung! In jedem einzelnen Fall muss man sich merken, ob das eine, das andere oder beides richtig ist. Wieviel einfacher – und wie modern – war doch die herkömmliche standardmässige Kleinschreibung in all diesen Fällen, die über hundert Jahre lang gegolten hatte!
Die Reformer sind selbstverständlich gar nicht erpicht darauf, sich auf die Wiederauf­nahme dieser Fälle einzulassen. So schweigt der «Rat für Rechtschreibung» in diesen Punkten beharrlich. Die Politiker ihrer­seits haben spätestens 2006 eingesehen, dass die Reform ein Fehler war, und in so einem Fall gilt bei ihnen bekanntlich die Devise: schönreden, dann totschweigen. Immerhin gibt es ein paar Ausrutscher: Schon im Januar 2006 hat Johanna Wanka, die ehemalige Präsidentin der deut­schen Kultusminister­konferenz und heutige Bundesministerin für Bildung und Forschung, in einem Interview mit dem «Spiegel» (1/2006) freimütig eingeräumt: «Die Kultusminister wis­sen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war. Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.» Und im «Donaukurier» vom 17. Mai 2013 hat sich schliesslich sogar Hans Zehet­mair, bis 2016 Vorsitzender des Rates für deutsche Rechtschreibung und früherer bayerischer Kultusminister, (selbst)kritisch geäussert: «Im Rückblick muss man sagen, dass die Recht­schreibreform kein Ruhmesblatt war und ist, weder für die Politik noch für die Wissenschaft. Der Fehler der Politik war, dass wir uns mit dieser Reform nicht befasst haben.»
Der Ausweg
Als im Frühjahr 2006 bekannt wurde, dass der «Rat» den faulen Kompromiss von «Varianten» zum Prinzip erheben würde, formierte sich in der Schweiz eine der sympathischsten Guerillaorganisationen aller Zeiten mit Namen «Schweizer Orthographische Konferenz» (SOK), die seither – natürlich ohne jede behördliche Unterstützung – mithilft, den Reformern die Freude an ihrem Werk zu vergällen . Ihr erklärtes Ziel ist, wieder zu einer «sprachrichti­gen und einheitlichen» deutschen Rechtschreibung zu gelangen, und ihre generelle Empfeh­lung lautet: «Bei Varianten die herkömmliche!» Im Bereich Gross- und Kleinschreibung musste Fall für Fall geregelt werden, die SOK gibt aber auch hier fast immer den herkömmlichen Schreibungen den Vorzug, weil diese eben einfacher und sprachlich besser sind. Mit rationalen Argumenten und Sportsmanship statt politischem Lobbying und Powerplay hat sich die SOK in der Diskussion sogleich einen Namen weit über die Grenzen der Schweiz hinaus gemacht.
Der Weg zum Ziel wird freilich steinig sein. Nicht nur gibt es nach wie vor starke Widerstände gegen die erwähnten herkömmlichen Kleinschreibungen. Solange viele von ihnen verboten bleiben, kann eine faire Auseinandersetzung und eine freie Entwicklung in die eine oder andere Richtung, wie wir sie bei der Getrennt- und Zusammenschreibung beobachten konnten, gar nicht stattfinden. Die Widerstände sind zudem nicht rational, sondern irrational, weil die Reformer und die meisten seinerzeit involvierten Politiker nicht die menschliche Grösse haben zuzugeben, dass ihre Reform verfehlt war. Und derart motivierte Widerstände sind viel verbissener als objektiv-rationale. Aber auch die heutige Indifferenz weiter Kreise der Rechtschreibung gegenüber, wie sie sich zum Beispiel in der Billigpresse und im Internet manifestiert, muss uns skeptisch in die Zukunft blicken lassen. Immer wieder hört man: «Ich muss mich an die staatlichen Vorgaben halten!» (Lehrer und Staatsangestellte), «Man kann ja ohnehin nicht mehr wissen, wie man schreiben soll!» (Defaitisten), «Ich verlasse mich auf mein Korrekturprogramm, da ich keine Zeit habe, in jedem Fall Nachforschungen anzustellen, ob vielleicht eine andere, bessere Schreibung existiert!» (die Faulen und die Gestressten). Dass solche Indifferenz der Sprache und Rechtschreibung gegenüber nicht nur zeitgeistbedingt, sondern auch ganz direkt eine Folge der Reform von 1996 ist, zeigt die Tatsache, dass heute beson­ders viele Schreibfehler just in den Reformbereichen Gross-/Kleinschreibung und Getrennt-/Zusam­menschreibung gemacht werden. Denn genau hier hat die Reform ja das grösste Chaos angerichtet. Die Unsicherheit geht über die reformierten und teils wieder gegenreformierten Fälle weit hinaus, wie die zahllosen Folgefehler auch in durchaus «seriö­sen» Texten zeigen. Da liest man dann etwa (z. B. im Internet): vor Allem, Wut entbrannt, Geheimnis voll, Haar sträubend, dunkel blau, zusammen zu packen, zum Wahnsinnig werden bzw. zum wahn­sinnig Werden, manch mal bzw. manch Mal, es ist mir Ernst, am Schönsten, am Liebsten, am Schnellsten, ja sogar – in Analogie zur berühmt-berüchtigten Gämse – Schreibungen wie ausge­ränkt, inwändig und sogar Weihnachtsgeschänk! Die Reformer und die Politiker, die diese Reform durchsetzten, sollten angesichts derartiger Kollateralschäden eigentlich wehklagen wie weiland Fausts Zauberlehrling: «Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.» Stattdessen verkünden die einen lauthals den «Rechtschreibfrieden» und verkrümeln sich anschliessend, und die anderen lobbyieren hinter den Kulissen dafür, dass sich möglichst nichts mehr ändert.
Aber es muss sich etwas ändern, und zwar vor den Kulissen! Dies wird evident, wenn wir uns nun nochmals dem Schlagwort «Rechtschreibfrieden» zuwenden! Ein solcher wird erst dann eingekehrt sein, wenn wieder eine einheitliche und sprachrichtige Rechtschreibung herrscht, praktisch ohne Varianten und Inkonsequenzen, und mit dieser auch die genannten Folgefehler wieder zurückgehen und verschwinden. Die Getrennt- und Zusammenschreibung ist auf dem besten Weg dahin. Das Resultat, dies ist längst abzusehen, wird hier die herkömmliche Zusammenschreibung sein. Der «Friede» wird allerdings auch hier erst dann wirklich eintreten, wenn die massgeblichen Institutionen sich aufraffen, von den Reform-Getrenntschreibungen zuerst explizit abzuraten und sie schliesslich gar nicht mehr als Varianten neben den herkömmlichen Schreibungen aufzuführen. In der Gross- und Kleinschreibung (und auch z. B. in der e/ä-Schreibung) sind wir wegen der Unterlassungssünde von 2004 noch 15 Jahre im Rückstand. Auch hier müssen zuerst die herkömmlichen Schreibungen wieder gestattet werden, dann heisst es ein paar Jahre warten und beobachten, ob die herkömmliche oder die Reformschreibung in der schreibenden Öffentlichkeit den Sieg davonträgt, und schliesslich muss die unterlegene Variante aus dem Verkehr gezogen werden (immer mit grosszügigen Übergangsfristen). Erst dann wird auch in diesem Bereich der Friede einkehren. Meine Prognose ist, dass sich auch im Bereich der Gross- und Kleinschreibung die herkömmliche Kleinschreibung, sobald sie nicht mehr verboten ist, sofort wieder durchsetzen wird. Sie ist viel einfacher und zeitgemässer! Und auch der Gämse und dem Gräuel kann ich keine gute Prognose geben.


Nachdem sich die «Hohe Politik» aber nun einmal eingemischt hat, muss sie jetzt auch den Mut zeigen, ihren Fehler wieder auszubügeln. Sich nach der kosmetischen Reparatur 2006 aus der Verantwortung zu stehlen und die Sache einem von vornherein handlungsunfähigen «Rat für Rechtschreibung» zu übergeben zeugt von mangelndem Sachverstand und Verantwortungsbewusstsein. Sie muss nun ein Machtwort sprechen, die herkömmlichen Varianten in globo wieder gestatten (auch die herkömmliche ß-Regelung!), den «Rat für Rechtschreibung» auflösen und die Wahl der besten Rechtschreibung zuerst einmal vertrauensvoll der schreibenden Öffentlichkeit überlassen. Sie wird sie sehr schnell finden! Auf Empfehlungen sollte aber zunächst konsequent verzichtet werden, und auch die Korrekturprogramme müssten entsprechend instruiert werden. Von mir aus kann der Duden – nach entsprechender Abbitte – seine frühere Rolle wieder übernehmen. Er hat seinerzeit für seinen Erfolg hart arbeiten müssen, hat genau und breit beobachtet und subtil und weitsichtig gelenkt. Vielleicht ist das nötige Know-how dort ja noch vorhanden. Die Politik aber täte gut daran, sich in Zukunft aus dem Thema Rechtschreibung herauszuhalten. In dieser Materie hat das – schreibende und lesende – Volk das Sagen, jedenfalls solange im deutschen Sprachraum demokratisch verfasste Rechtsstaaten herrschen!

Eine Kurzfassung dieses Textes wurde unter dem Titel «Ein peinlicher Fall von Umweltverschmutzung» publiziert in: «Kultur und Ökologie. Festschrift zum 75. Geburtstag von Beat von Scarpatetti», hg. von Kurt Meyer und Manfred Welti, Binningen 2016, 175–182.

S. den Wikipedia-Artikel «Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996».

S. den Wikipedia-Artikel «Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung», aus dem die Mitglied-, aber nicht die Seilschaften ersichtlich sind.

Die 20. Ausgabe von 1991, die letzte vor der Reform, ist unfreiwillig zu einem Meilenstein geworden, aber auch die Ausgaben von 2000, 2004 und 2006 sind als Referenzwerke immer wieder zu Rate zu ziehen, da die Reformschreibungen rot gedruckt sind. Später wurden sie verdunkelt.

S. http://www.sok.ch mit viel interessanter Bibliographie, ausgedehnten Wörterlisten und – als Einstieg – dem «Wegweiser» aus der Feder des hier schreibenden Guerillero.

 

 

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