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DIE DEUTSCHE SPRACHE IN LITERATUR, GESELLSCHAFT UND POLITIK
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Die ‹Deutsche Stilkunst› im Zwielicht des ‹Dritten Reiches›:
Tonio Walters Blick auf Eduard Engel und Ludwig Reiners

von Stefan Stirnemann

Tonio Walter, Professor für Strafrecht und Strafprozeßrecht in Regensburg, hat eine ‹Kleine Stilkunde für Juristen› verfaßt, die zurzeit in dritter, ‹gründlich überarbeiteter› Auflage vorliegt. Walter verbindet seine Sachkunde mit Gespür für Sprache und gibt seine Quellen sorgfältig an, so daß man den Spuren nachgehen kann und auf eigene Wege kommt. Der Leser lernt etwas; mit diesem Buch könnte bereits am Gymnasium gearbeitet werden. In der Einleitung geht Walter auf Eduard Engel und Ludwig Reiners und mich ein; bevor ich meinerseits auf seine Sicht der Dinge eingehe, schicke ich zur Einführung etwas voraus.

Vor neun Jahren habe ich in dieser Zeitschrift einen Aufsatz veröffentlichen können, der in gekürzter Form in der NZZ am Sonntag erschienen war: «Ich habe gemacht ein feines Geschäft» – Ein Wort über Ludwig Reiners, den Klassiker der Stilkunst. Es ging mir damals und geht mir heute um Eduard Engel, der seiner jüdischen Herkunft wegen im sogenannten Dritten Reich geächtet war, dessen ‹Deutsche Stilkunst› nicht mehr verkauft werden durfte und den ich für den eigentlichen Klassiker halte. Ludwig Reiners hat 1943 (Jahr des copyrights) eine eigene ‹Deutsche Stilkunst› herausgebracht, die heute noch, unter dem verkürzten Titel ‹Stilkunst›, im Gebrauch ist. Reiners erinnert mich an den falschen Prinzen in Wilhelm Hauffs Märchen, den Schneider, der im Gewand eines Königssohnes auftritt und mit Ansprüchen, denen er im Kern nicht gerecht werden kann. Er hatte einen Doktortitel in Rechts- und Staatswissenschaft, war von Beruf Kaufmann und mit Sprachen und Literaturen nicht eigentlich vertraut; deswegen hat er Eduard Engels ‹Deutsche Stilkunst›und weitere Werke von ihm und anderen als Vorlage verwendet. Dazu kommt, daß sein Buch erstmals im nationalsozialistischen Verbrecherstaat erschienen ist; Ludwig Reiners war seit 1933 Mitglied der NSDAP. In Frage stehen also sein Umgang mit dem geistigen Eigentum anderer und seine politische Haltung.
Willy Sanders hat 1988 an einigen Beispielen gezeigt, wie Reiners von Eduard Engel abhängt, und mit gebotener Vorsicht geurteilt: «Doch auch aufgrund der hier vorgetragenen (durchaus provisorischen) Beobachtungen scheint es so, als ob Reiners in der anonymen Ausbeutung seines renommierten Vorgängers nicht gerade ein Engel gewesen wäre.» Ich habe in umfangreichen Untersuchungen diese anonyme Ausbeutung erhärtet und habe Übereinstimmung in Hunderten von Fällen festgestellt. Heidi Reuschel hat für ihre Bamberger Dissertation (2014) einige Kapitel mit Plagiatssoftware durchsucht und ist, gestützt auf zuverlässige Ergebnisse und umsichtige Deutungen, zum selben Schluß gekommen. Unterdessen hatte Christian Döring den literarischen Spürsinn und unternehmerischen Mut, Eduard Engels Werk in ‹Die Andere Bibliothek› aufzunehmen; ich habe das Vorwort geschrieben.

Tonio Walter verteidigt Reiners, was in Ordnung ist; auch die andere Seite soll gehört werden, und im offenen Gespräch klären sich die Argumente. Mein erster Einspruch: Um zu zeigen, daß Eduard Engel fragwürdige Seiten hat, zitiert Walter einen häßlichen Satz Engels darüber, daß man gezweifelt habe, wie der Name der Hereros in der Betonung zu behandeln sei, «dieweilen unsere Heeresverwaltung gezwungen war, sie mit Maschinengewehren zu behandeln». Walter anerkennt, daß Engel diesen Satz in der letzten Auflage gestrichen hat, und findet, man dürfe den Satz «nicht so bewerten, als hätte er ihn heute geschrieben»: «Aber man kann auch nicht so tun, als hätte er ihn nie geschrieben.»(Seite 6) Wer tut so, als habe Engel diesen Satz nie geschrieben? Etwa ich? Im Gegenteil bin ich es, der auf den Satz aufmerksam gemacht hat. Ich behandle ihn in meinem Vorwort, im Abschnitt ‹Eduard Engels Schatten›; Walter sollte das anmerken. In der Anderen Bibliothek wird an Engel nichts verschwiegen oder beschönigt. Der Satz, den Engel gestrichen hat, liegt mit anderem, was er schrieb, in der einen Waagschale. Engel ist keine Lichtgestalt, aber er ist ein Könner von Rang, der es wert ist, gelesen zu werden. Wer sein ausführliches Bild haben möchte, schaue in Anke Sauters Dissertation, ‹Eduard Engel. Literaturhistoriker, Stillehrer, Sprachreiniger›.
 
Geistiges Eigentum
Für den Plagiator verzeichnet Eduard Engel in seinem ‹Verdeutschungsbuch› Übersetzungen wie Abschreiber, Schriftstehler, Geistesdieb. Zum Plagiatsvorwurf schreibt Walter: «Dass er zu erheben ist, steht fest», schränkt den Vorwurf aber ein: «Reiners hat seine Stilkunst in einer Zeit geschrieben, die gegenüber solchen Transfers wesentlich unempfindlicher war als unsere.»(9) Unempfindlich war sicher Reiners selber, schon indem er den Titel ‹Deutsche Stilkunst› übernahm, den Titel eines erfolgreichen und bekannten Buches. Hier kommt es aber auf die Empfindung des Urhebers an. Empfindlich war der Philosoph Arthur Schopenhauer: «Die schlechtesten aber sind die gestohlenen Titel, d.h. solche, die schon ein anderes Buch führt: denn sie sind erstlich ein Plagiat und zweitens der bündigste Beweis des allertotalsten Mangels an Originalität: denn wer deren nicht genug hat, seinem Buch einen neuen Titel zu ersinnen, wird noch viel weniger ihm einen neuen Inhalt zu geben fähig sein.» Empfindlich war auch der römische Dichter Martial, auf den offenbar der Begriff des Plagiators zurückgeht. Martial, der im ersten Jahrhundert n. Chr. lebte, nennt mit dem Wort plagiarius einen Dichterkollegen, der Martials Gedichte vorträgt, als ob sie seine eigenen wären. Der plagiarius ist ursprünglich einer, der sozusagen mit einem Netz (plaga) Menschen fängt und sie für seine Zwecke einsetzt, z.B. für sich Sklavenarbeit tun läßt. So läßt jener Zeitgenosse die Gedichte Martials für sich arbeiten, und Martial kann sich nur zur Wehr setzen, indem er den Diebstahl in einem Gedicht anprangert.

Walter hält Reiners auch zugute, daß er Engels Stilkunst nicht verschweige, sondern als ein Buch nenne, dem er Beispiele entnommen habe.(9) Aber wenn Walter diese Nennung «deutlich untertrieben» nennt, so ist das seinerseits untertrieben. Versteckt auf einer hinteren Seite bietet Reiners eine kärgliche Liste von Büchern, aus denen «einige Beispiele, namentlich für mißglückte Sätze» stammen sollen. An fünfter Stelle ist Engels Buch aufgeführt, in der Erstauflage von 1911 und damit in möglichste Ferne gerückt; die letzte Auflage, die erscheinen konnte, stammt aus dem Jahr 1931. In der Liste fehlen z.B. Eduard Engels ‹Sprich Deutsch!› und von weiteren jüdischen Autoren, denen Reiners verpflichtet ist, Richard Moritz Meyer, ‹Deutsche Stilistik› und Albert Josef Storfer, ‹Wörter und ihre Schicksale›. Statt ihrer nennt Reiners Quellen, die damals angebracht waren: ‹Deutsche Arbeitsfront, Deutsch für den Kaufmann, 1937› und ‹Reichsministerium des Innern, Fingerzeige für die Gesetzes- und Amtssprache, 1934›.
Ist Reiners’ Vorgehen mit Thomas Manns ‹Montage-Technik› zu vergleichen? Ist Mann im ‹Doktor Faustus› so mit Arnold Schoenbergs Musiktheorie und den Darstellungen von Nietzsches Lebenslauf verfahren wie Reiners mit dem geistigen Eigentum Eduard Engels und anderer? Ich halte Walters Vergleich für verfehlt. Ich sehe Thomas Mann an einem anderen Ort als Ludwig Reiners, aber wie immer man das beurteilt, Arnold Schoenberg hatte die Möglichkeit, sich zur Wehr zu setzen, und Thomas Mann fügte seinem Roman den Hinweis auf «das geistige Eigentum eines zeitgenössischen Komponisten und Theoretikers, Arnold Schoenbergs» bei.

Eduard Engel macht den literarischen Diebstahl in seiner ‹Deutschen Stilkunst› zum Thema; das Wesen der schöpferischen Leistung war ihm ein Anliegen. Er starb 1938, wahrscheinlich, so Anke Sauter, eines natürlichen Todes. Seine Hinterbliebenen konnten sich nicht zur Wehr setzen, als wenige Jahre danach eine andere ‹Deutsche Stilkunst› erschien; das Werk des jüdischen Autors war ohne Rechtsschutz. So sieht es auch Walter, wenn er zusammenfassend sagt, Reiners habe «vielfach Ideen, Zitate und Inhalte von Engel übernommen, ohne dies ausreichend anzuzeigen»: «Und das konnte er nur deshalb ohne Beanstandung tun, weil die Nazis Engel als Juden betrachteten (...)». (11)

Das ‹Dritte Reich›
Das Heute hat es immer leicht, das Gestern zu verurteilen, und mit Recht nennt Hans Magnus Enzensberger, der das Verhalten von Schriftstellern in Diktaturen prüft, die ‹Nachgeborenen› ‹diese ewigen Besserwisser›. Es gab damals verschiedene Möglichkeiten, sich zu verhalten. Hermann Hesse lebte in der Schweiz, war also nicht unmittelbar gefährdet. Als man ihn aufforderte, im Gedichtband ‹Trost der Nacht› für eine Neuauflage die Widmungen an Juden und Emigranten zu streichen, da habe er gewünscht, das Buch zu retten, «und so habe ich denn die Widmungen gestrichen, natürlich nicht nur die unerwünschten, sondern alle.» So berichtet es Hesse dem Verleger Peter Suhrkamp in einem Brief zu dessen Geburtstag am 28. März 1951.

In einem Buch über Fragen der Wirtschaft begrüßte Ludwig Reiners den Regierungswechsel von 1933: «Das Buch versucht zugleich darzulegen, welche Bedeutung die gewaltige Umwälzung, die wir mitzuerleben das Glück haben, für die Wirtschaft besitzt.» Nach dem Krieg wurde Reiners als ‹Mitläufer› eingestuft; Heidi Reuschel hat die Akten ausgewertet und zusammengestellt (226ff). Beispiel für den Zwang, der damals herrschte: «Im Dezember 1933 erklärte sich Reiners für die Aufnahme in den Reichsverband Deutscher Schriftsteller ›vorbehaltlos bereit, jederzeit für das deutsche Schrifttum im Sinne der nationalen Regierung einzutreten und den Anordnungen des Reichsführers des R.D.S. in allen den R.D.S. betreffenden Angelegenheiten Folge zu leisten‹.»(227)
Welche politische Haltung nimmt Ludwig Reiners in der ‹Deutschen Stilkunst› ein? Walter schreibt: «Er erwähnt den Nationalsozialismus, seine Vertreter und Künstler mit keinem Wort. Statt dessen führt er mehrfach Ricarda Huch als Vorbild an und nimmt auch gegenüber den Fremdwörtern eine moderate Haltung ein.»(7) Das ist richtig für den Nationalsozialismus und seine bekannten Vertreter. Künstler, die dem Staat verbunden waren, nennt Reiners sehr wohl, etwa Hans Friedrich Blunck. Daß er, indem er Ricarda Huch zitierte, seine Widerständigkeit bewies, ist ein alter Irrtum. Die Dichterin trat zwar gleich 1933 aus der Preußischen Akademie der Künste aus und schrieb dem Präsidenten: «Was die jetzige Regierung als nationale Gesinnung vorschreibt, ist nicht mein Deutschtum», aber die Nationalsozialisten ächteten sie deswegen nicht. Wie im Katalog zu einer Marbacher Ausstellung dargelegt, wurde 1944 ihr 80. Geburtstag öffentlich erwähnt: «Viele Zeitungen brachten Würdigungen zu ihrem Geburtstag, auch der ›Völkische Beobachter‹.» Sie erhielt den Wilhelm-Raabe-Preis der Stadt Braunschweig, und unter den Glückwünschern war Goebbels. Auch bei den Fremdwörtern irrt Walter. Die ‹moderate Haltung› ihnen gegenüber war die Haltung des ‹Führers›; ich habe darüber in meinem Vorwort geschrieben: «Zur Sprache einer eroberten Welt gehörten für die Nationalsozialisten auch Fremdwörter.»(XV) Zum Kern des Nationalsozialismus, zum Antisemitismus: Im Kapitel ‹Formeldeutsch› stellt Reiners «eine kleine Beispielsammlung von Formeln nach dem Stand von 1943» zusammen, darunter die Wendung «einer endgültigen Lösung zuführen». Damals war es die ‹Judenfrage›, die ‹einer endgültigen Lösung zugeführt› wurde, und im Vorwort zeige ich am Beispiel der Wochenzeitung ‹Der Stürmer›, daß der Bezug von ‹endgültiger Lösung› zum Ende des Judentums in aller Öffentlichkeit hergestellt wurde. Daß Reiners dieser Zusammenhang bewußt war, sage ich nicht. Warum unterstellt mir Walter, ich schriebe Reiners «ein Mitwissen um die Wannseekonferenz und Auschwitz, ja deren Billigung» zu und «eine befürwortende Anspielung auf den Holocaust»?(9) Für mich ist die Formel der endgültigen Lösung eines der Zeugnisse der unseligen Zeit, in der dieses Buch entstand.

Zeugnis einer Haltung ist der Satz, den Reiners als Beispiel einer falschen Wortstellung anführt: «Ich habe gemacht ein feines Geschäft» und den er ‹Judendeutsch› nennt. Walter zitiert falsch («Gemacht habe ich gutes Geschäft») und schreibt begütigend: «Doch die Empfindlichkeit, die wir in unserer Zeit – zu Recht! – solchem gegenüber entwickelt haben, die gab es damals fast nirgends.»(7) Wie schon beim Plagiat sieht Walter die Empfindlichkeit nur der einen Seite; er sollte an die Gefühle der jüdischen Menschen von damals denken. Das Geschäftemachen der ‹Juden› war eines der Schlagworte, mit denen die Nationalsozialisten erreichen wollten, daß die deutsche Gesellschaft ihrem Vorgehen – Ausgrenzen, Entrechten, Verschleppen mit unbekanntem Ziel – zustimmte oder nicht entgegentrat. Im Vorwort zeige ich diesen Zusammenhang, lasse aber, wie man es tun muß, offen, ob Reiners seinen antisemitischen Satz aus Überzeugung einfügte. Zur Entlastung verweist Walter wieder auf Thomas Mann, diesmal auf abschätzige Antworten, die Mann 1907 in einer Umfrage zur ‹Lösung der Judenfrage› gab. Unterschied: Vor 1933 war der Name Jude in Deutschland Sammelpunkt dummer Vorurteile, dann aber, wie niemandem entgehen konnte, ein Brandmal, das Verlust der Bürgerrechte und noch Schlimmeres bedeutete. Das Vorwort seiner ‹Deutschen Stilkunst› versah Reiners mit der Angabe ‹München-Solln, Frühjahr 1943›. Am 20. November 1941 waren tausend jüdische Menschen aus München verschleppt und wenige Tage später im Osten erschossen worden.

Zeugnis einer eigenen Haltung könnte auch dies sein: «Der Schweizer sagt zwar Hótel und Párterre. Aber das übrige Deutschland wird das bestimmt nicht annehmen.» Daß die Schweiz zu Deutschland gehört, das sagte der ‹Führer› am 22. Januar 1942 in einem seiner ‹Tischgespräche im Führerhauptquartier›: «Die Schweizer sind nichts als ein mißratener Zweig unseres Volkes.» Und Goebbels hielt in seinem Tagebuch vom 8. Mai 1943 fest: «Aus alledem aber hat der Führer die Konsequenz gezogen, daß das Kleinstaatengerümpel, das heute noch in Europa vorhanden ist, so schnell wie möglich liquidiert werden muß.»

Mir fällt ferner auf, daß Reiners nicht nur Eduard Engels Namen unterschlägt (mit der einen Ausnahme), sondern noch weitere jüdische Namen. Für das Wortspiel nimmt Reiners Beispiele aus Albert Josef Storfers Buch ‹Wörter und ihre Schicksale›. Storfer nennt jeweils die Urheber, so bei ‹Dilettalent› Christian Morgenstern, bei ‹Kanniballadiker› Börries von Münchhausen, und bei der ‹Obersschaumgeborenen› schreibt er, daß Alfred Polgar «eine hübsche, etwas dicke, sehr wienerische Schauspielerin» so genannt habe. Die ‹Juden› Storfer und Polgar nennt Reiners nicht; Münchhausen, den er nennt, war im Dritten Reich angesehen und wurde in die Liste der sogenannten Gottbegnadeten aufgenommen. Zu denen, die Reiners mit Namen nennt, gehört Wilhelm Stapel, der in seiner Untersuchung ‹Die literarische Vorherrschaft der Juden in Deutschland 1918 bis 1933› auch über das ‹Judendeutsch› schreibt, eine ‹schauerliche Barbarisierung der deutschen Sprache›. Reiners zitiert nicht diese Schrift Stapels. Neben dem Judendeutsch findet Walter nur noch eine Stelle über das Deutsch der Wehrmacht: «Sonst deutet nichts darauf hin, dass die Erstausgabe der „Stilkunst“ 1944 erschienen ist.»(7) Das ist nicht richtig, es deutet manches darauf hin.

Engel oder Reiners?
Walter zieht das Buch von Ludwig Reiners vor und begründet das u.a. so: «Wohl hat Reiners einzelne Inhalte übernommen, ihnen dann aber eine eigene Fassung gegeben. Und die ist stets prägnanter, für uns auch zeitgemäßer als die Sätze von Engel.»(10) Was tun wir heute, wenn Schüler und Studenten ihre Quellen ins ‹Prägnante› und ‹Zeitgemäße› umschreiben und das Ergebnis als eigene Leistung ausgeben? Schauen wir ein Beispiel an. Engel schreibt: «Goethe hat mehr als 50 Jahre nur diktiert und mochte zuletzt überhaupt nicht mehr anhaltend selbst schreiben». Reiners macht daraus: «Goethe hat alles diktiert, mochte zuletzt überhaupt nicht mehr anhaltend schreiben und hatte keinen eigenen Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer.» Wirkt das heute zeitgemäßer? Die Trennlinie zwischen den beiden Autoren zieht Walter so:
«Pointiert ließe sich sagen: Engel hat ein Buch des 19. Jahrhunderts geschrieben, Reiners eines des 20.» Eduard Engel, Mann des 19. Jahrhunderts, schreibt in seinem Buch ‹Was bleibt› über Hebels ‹Kannitverstan›: «Schöneres hatte das alte Schatzhaus der erzählenden Volkskunst nicht aufzuweisen.» Also rühmt Reiners im Stilbuch des 20. Jahrhunderts Thomas Manns Novellen? Nein: «Ich kenne keine schönere Erzählung als Johann Peter Hebels Kannitverstan.» Aber als Muster knappen Ausdrucks führt er Kafka vor? Wieder nein, sondern Lessings Fabeln, wie er es bei Engel las. Für Ironie verweist Reiners nicht etwa auf Tucholsky, sondern u.a. auf Montesquieu und Görres, mit Stellen, die er sich von Engel vorgeben ließ.

Nun hat Eduard Engel seinerseits manches übernommen. Rudolf Hildebrand schrieb in seinem Buch ‹Vom deutschen Sprachunterricht in der Schule› über die Stilhöhe von Fremdwörtern: «Man sage sich Goethes ‹Edel sei der Mensch› usw. mit ‹nobel› vor, es schlägt von selbst in Witz um.» Vielleicht nimmt Eduard Engel diesen Einfall auf; jedenfalls führt er ihn in seinem Buch ‹Sprich Deutsch!› an einer Fülle von Stellen aus Werken der hohen Literatur durch und sagt dem ‹Freund deutscher Sprache› einleitend: «Er prüfe die ihm liebsten Dichterstellen auf ihre Fremdwörter und setze da, wo keines steht, eines ein! Er wird seine Freude erleben.» Neben «Nobel sei der Mensch, hilfreich und gut!» nenne ich zwei: «Das Land der Griechen mit der Psyche suchend», «Mir hilft der Geist! Ich sehe Rat mir schon / Und schreibe getrost: Im Anfang war Aktion!» Reiners hatte offensichtlich keine eigenen ‹liebsten Dichterstellen› zur Hand und übernahm sie von Engel, in einer bierernsten Umständlichkeit, die dem Sprachwitz schadet: «Moment – sprich Momang – ist sicher ein allgemein verständliches Fremdwort, aber wenn Don Carlos etwa ausrufen würde: Doch ein Momang gelebt im Paradiese,/ wird nicht zu teuer mit dem Tod gebüßt, dann würden wir doch deutlich merken, wie das Fremdwort den Begriff auf eine gemeinere Stufe hinunterzieht.» ‹Momang›: Reiners ahmt sogar die Schreibweise nach, mit der sich Eduard Engel jeweils über die schwerfällige deutsche Aussprache des französischen Wortes lustig macht. Engel war sich bewußt, daß aus seinem Buch, ‹Sprich Deutsch!›, wie er schrieb, «andre Bücher über den Gegenstand schöpfen werden».

Walter schreibt unter dem Zwischentitel ‹Was ist Humor?› ohne weitere Angabe: «Humor ist bekanntlich, was bestimmt nicht hat, wer ihn definiert.»(172) Die Quelle ist nicht nötig, irgendwann werden solche Einfälle zu geflügelten Worten. Reiners schrieb unsorgfältig ab: «Humor ist, was man bestimmt nicht hat, wenn man's definiert» und nannte das einen ‹alten Satz›. Die Herkunft muß man bei Eduard Engel nachlesen: «Humor ist, was man niemals hat, sobald man’s definiert, heißt es bei einem unsrer Guten vom jüngern Nachwuchs, Rudolf Presber.» Engel behandelte diesen zeitgenössischen Autor in seiner ‹Geschichte der Deutschen Literatur› und stand, wie Anke Sauter zeigt, mit ihm im Briefwechsel. Die Definition stammt aus einem Gedicht Presbers: «Humor ist ein flatterndes Rosenblatt, / Vom Wind in die Weite geführet; / Humor ist – was man niemals hat, / Sobald man’s definieret.» Diesen und viele andere Zusammenhänge hat Reiners mit seinem Buch verschüttet. Eduard Engel war eine Persönlichkeit seiner Zeit und berichtet über Begegnungen u.a. mit Gottfried Keller, Theodor Fontane, Bismarck, dem Dirigenten Hans von Bülow, Emile Zola. Er hatte Sprachen studiert, kannte die europäischen und die amerikanische Literatur und verfaßte mehrere Literaturgeschichten; als Parlamentsstenograf und Herausgeber einer literarischen Zeitschrift hatte er täglich mit Sprache zu tun. Seine ‹Deutsche Stilkunst› ist ein neuartiges, eigentümliches Werk, in das er seine Persönlichkeit und sein Können gelegt hat. Sein ‹Lebensbuch›, so nannte er es, hat natürlich andere Werke vor und neben sich. Eduard Engel nennt und empfiehlt sie, u.a. Bücher von Albert Heintze und Theodor Matthias. Ludwig Reiners empfiehlt Eduard Engel nicht. Als Autor ist er nicht recht zu fassen. Ich finde bei ihm treffende Sätze von Jean Paul, Christian Morgenstern, Arthur Schopenhauer, Erich Schmidt, Otto Ludwig, Richard Moritz Meyer, Franz Skutsch und immer wieder von Engel, die er so darbietet, daß der Leser denken muß, sie kämen von ihm. Reiners hatte kein Sprach- und Literaturstudium, eine ganz anders gelagerte Berufsarbeit und wohl zu wenig Zeit, sich mit den Dingen auseinanderzusetzen. So ist er von seinen Vorlagen abhängig und muß glauben, was andere z.B. über Tacitus und Schleiermacher geschrieben haben. Wenn Engel einmal die Namen Alkidamas und Alkibiades verwechselt, so ist das ein Flüchtigkeitsfehler, den er berichtigt, eine Ausnahme. Beim abschreibenden Reiners wird es zum wesentlichen Fehler, der die Unsorgfalt und Sorglosigkeit des Autors zeigt. Ein weiteres Beispiel: Engel hält die Fügung ‹kriminelle Verbrechen› für sinnlos; offenbar hört er in ‹kriminell› nur die Bedeutung ‹verbrecherisch›: «Ein andrer Germanist sprach von kriminellen Verbrechen, nur weil er nichts bei kriminell gefühlt hatte.» Der Vorwurf trifft nicht; im allgemeinen unterscheidet man die kriminellen von politischen Verbrechen. Reiners gehorcht der Stimme seines Meisters: «Ein Germanist schreibt von kriminellen Verbrechen (…) all diese Wörter sind ungefühlte Schablonen».

Hat Reiners etwas Eigenes geschrieben? Walter verweist auf Anke Sauter: «Dass Reiners, soweit er Ideen von Engel übernahm, etwas Neues geschaffen habe, ist übrigens auch das Ergebnis einer weiteren Dissertation, die sich mit dem Verhältnis der beiden Bücher zueinander befasst.»(10) Sauter hat aber dieses Verhältnis nur nebenbei untersucht und schreibt dazu auf knapp sechs von 457 Seiten; ihre Hauptarbeit, sorgfältig und ergiebig, gilt der Darstellung Engels. Ob man Reiners’ Buch schätzen kann, wenn man Engel kennt und auf Reiners’ Arbeitsweise und seine laienhaften Fehler aufmerksam geworden ist, darüber entscheidet am Ende der Geschmack. Reiners war geschickt darin, Erkenntnisse anderer zu einem brauchbaren Buch zu verbinden; das ist eine Leistung, aber sie ist nicht schöpferisch. Für mich steht im Vordergrund, wie Reiners in den Jahren des ‹Dritten Reiches› mit der echten und kunstvollen Leistung eines Verfemten umgegangen ist.

Gerade weil ich hoffe, daß Walters Buch weitere Auflagen erreicht, bitte ich den Autor, die sachlichen Versehen seiner Einleitung zu berichtigen.

Literaturhinweise
Tonio Walter, Kleine Stilkunde für Juristen, 3., gründlich überarbeitete Auflage, Verlag C.H.Beck 2017. Mein früherer Beitrag: Mitteilungen des Sprachkreises 1 + 2, 2010 (gekürzt: NZZ am Sonntag, 16. Dezember 2007). Sanders, Willy, Die Faszination schwarzweißer Unkompliziertheit, Zur Tradition deutscher Stillehre im 20. Jahrhundert (E. Engel – L. Reiners – W. Schneider), in: Wirkendes Wort, 3/88. Heidi Reuschel, Tradition oder Plagiat? Die ‹Stilkunst› von Ludwig Reiners und die ‹Stilkunst› von Eduard Engel im Vergleich (2014). Christian Döring (Hg.), Eduard Engel, Deutsche Stilkunst, Nach der 31. Auflage von 1931, Mit einem Vorwort bereichert von Stefan Stirnemann, Band 1 und 2 (2016). Anke Sauter, Eduard Engel. Literaturhistoriker, Stillehrer, Sprachreiniger. Ein Beitrag zur Geschichte des Purismus in Deutschland (2000). Eduard Engel, Verdeutschungsbuch, Ein Handweiser zur Entwelschung für Amt, Schule, Haus, Leben, Fünfte Auflage (1929). Hans Magnus Enzensberger, Überlebenskünstler, 99 literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert (2018). Ludwig Reiners, Die wirkliche Wirtschaft, Zweiter Band, (o.J., copyright 1933). Ricarda Huch, 1864-1947, Marbacher Kataloge 47 (1994).

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