BERNERLAND
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BERNERLAND BLOG

2018.12.06

Der Kanton Bern will die Zweisprachigkeit fördern

Hinweis auf eine Veranstaltung des Vereins

Förderung der Zweisprachigkeit
in Ämtern und Schulen des Kantons Freiburg

Vortrag von Frau Claudine Brohy, Dr. phil., Universität Freiburg i.Ü.
Hotel Weißes Kreuz, Lyss, am Freitag, dem 8. Februar 2019 um 14.00
Bei Fragen wenden Sie sich an Tel. 032 637 28 57

Im Mai 2017 setzte der Regierungsrat eine Expertenkommission zur Förderung der Zweisprachigkeit im Kanton Bern ein, präsidiert vom Bieler Ständerat Hans Stöckli. Am 12. November 2018 wurden im Berner Rathaus die Ergebnisse der Kommissionsarbeit präsentiert.
Die Kommission setzte sich aus Fachleuten aus verschiedenen Gebieten und Vertretern von Interessengruppen zusammen. Die Ergebnisse spiegeln die unterschiedlichen Sichtweisen und Interessen der Mitglieder. Ein Mangel des Berichts besteht darin, dass letztlich unter demselben Dach unterschiedliche Ziele gesetzt werden, ohne dass eine klare Priorität erkennbar wäre. So wie argumentiert wird, ist die Zweisprachigkeit nur ein Ziel unter mehreren. Die formulierte „Vision“ leuchtet zwar durchaus ein:
Kantonaler Zusammenhalt
Die Bevölkerung und die sozioökonomischen Akteure fühlen sich wohl in ihrem sowohl tatsächlich als auch rechtlich zweisprachigen Kanton.
Positionierung auf nationaler Ebene
Der Kanton Bern wird in der Schweiz in sozialer, wirtschaftlicher, politischer und kultureller Hinsicht als vorbildlicher zweisprachiger Kanton anerkannt.
Nationaler Zusammenhalt
Die Schweiz kann auf den Kanton Bern, der Sitz der Bundesstadt ist, als Bindeglied zwischen der deutschsprachigen und der französischsprachigen Schweiz zählen.

DIE ZIELSETZUNGEN
1. Eigentliche Förderung der Zweisprachigkeit

  • Zweisprachigkeit der Leute in Deutsch und Französisch, d.h. zumindest verbesserte Kenntnisse und Fertigkeiten in der Zweitsprache in erster Linie durch den Schulunterricht
  • Durchgehende Zweisprachigkeit in der Verwaltung, Anreize zur sprachlichen Weiterbildung
  • Sichtbarmachung der beiden Amtssprachen in Gebäuden kantonaler Institutionen
  • Persönlicher und schulischer Austausch mit dem andern Kantonsteil und benachbarten Kantonen

2. Schutz und Förderung des Französischen als Minderheitssprache
3. Wirtschaftliche Entwicklung durch Förderung des Bevölkerungswachstums, insbesondere von Französischsprachigen.

ÜBERLEGUNGEN ZU DIESEN ZIELSETZUNGEN

Vorbemerkung:
Es ist wichtig, dass die bestehende Zugehörigkeit der Gemeinden zu den Sprachgebieten nicht angetastet wird. Das scheint auch der Expertenbericht so zu sehen.
Neue amtlich zweisprachige Gebiete sind eher zu vermeiden. Sie sind höchstens in Erwägung zu ziehen, wenn einsprachige Gemeinden an der Sprachgrenze, beispielsweise Neuenstadt, Ligerz und Twann, fusionieren sollten.
Noch eine persönliche Bemerkung: Ich besuchte als Schüler immer gerne das „Franz“. Wir hatten durchwegs sehr gute und strenge Lehrer. Um die genaue Kenntnis von Grammatik und Rechtschreibung kamen wir nicht herum, und wir lernten gut Französisch sprechen und schreiben. Das hat viele Jahrzehnte lang nachgewirkt, obwohl ich nur noch sporadisch dazu komme, mein Französisch zu brauchen.

1. Die Förderung der Zweisprachigkeit ist zu begrüßen.

  • Am besten gelingt diese in der Schule, das beweisen die guten Ergebnisse moderner Schulung. Der Bericht nennt denn auch den verbesserten konventionellen Sprachunterricht, den integrierten zweisprachigen Unterricht (die Teilimmersion) und die CICL-Methode, bei der außerhalb des eigentlichen Sprachunterrichts einzelne Fächer in der Fremdsprache unterrichtet werden, sowie Schulaustausch ganzer Klassen.

Die Ergebnisse besonders der Teilimmersion und der CICL-Methode sind wesentlich besser als jene des konventionellen Unterrichts. Diese Ansätze sind übrigens keineswegs neu, sondern werden seit Jahrzehnten praktiziert. In Irland wurden auf Gymnasialstufe an manchen englischsprachigen Schulen bereits in den frühen 60er Jahren einzelne Fächer auf Irisch (Gälisch) unterrichtet. Zweisprachiger Unterricht wird im Kanton Jura, Vorkenntnisse aus der Familie vorausgesetzt, bereits seit 2009 angeboten.
Wichtig und zu fordern ist, dass alle angebotenen Modelle den Kindern in allen Teilen des Kantons zugänglich gemacht werden.
Seit heuer (2018) wird ein Studiengang an den PH in Bern und Delsberg angeboten, der Lehrer zu zweisprachigem Wirken befähigen soll. (S. Mitteilungen 2/2018)
Vor allem in Biel und Leubringen und an der Sprachgrenze sowie auch in Bern ist darauf zu achten, dass alle Kinder in der Schule auch ans Berndeutsch herangeführt werden. Sie müssen nicht in der Schule zum Sprechen der Mundart gebracht werden, aber sie sollen lernen, dass diese doch nicht so schwierig ist, wie Welsche oft denken, und mit einiger Übung durchaus dekodiert werden kann.

  • Die zweisprachige Verwaltung ist im Prinzip bereits gegeben, doch ist die Förderung des Personals in der jeweiligen Fremdsprache gewiss sinnvoll. Das übergeordnete Kriterium bei Anstellungen muss die fachliche und charakterliche Eignung für eine zu besetzende Stelle bleiben. Für kantonale Angestellte mit Kundenkontakt darf aber ein angemessenes Niveau (B1 oder B2, in vereinzelten Fällen auch höher) vorausgesetzt werden, und die Qualität der Sprachfertigkeiten darf durchaus ein lohnwirksames Element werden. Auch von Kandidaten für den Regierungsrat sind entsprechende Kenntnisse und Fertigkeiten in der Zweitsprache vorauszusetzen, zu erwägen ist, dass das neu auch eine Voraussetzung für die Wahl wird.
  • Die Sichtbarmachung der beiden Amtssprachen in Gebäuden kantonaler Institutionen ist schon heute gegeben, in Spitälern sind Verbesserungen möglich. Allerdings sollte das mit Augenmaß geschehen, vor allem beim Eingang, beim Empfang und bei der Beschriftung der Abteilungen. Es ist nicht sinnvoll, alles und jedes zweisprachig anzuschreiben, wenn die meisten Patienten die Sprache der Region sprechen. Immerhin können wir uns die Forderung nicht verkneifen, dass auch die Polizei zweisprachig angeschrieben wird, wie das z. B. in Belgien üblich ist.
  • Beim Austausch über die Sprachgrenze hinweg – auch von Personal – ist mit den Kantonen der Hauptstadtregion zusammenzuarbeiten: FR, SO, NE, VS, aber auch mit der Waadt. Nur so ist es möglich, dass genug Personal und Schulklassen beider Sprachgebiete mitmachen können.

2. Schutz und Förderung des Französischen als Minderheitssprache – und wie steht es mit dem Deutschen?

Der jurassische Kantonsteil ist zwar durch die Abspaltung des Kantons Jura halbiert worden und wird bei dem zu erwartenden Kantonswechsel von Moutier noch kleiner, aber die Lage der französischen Minderheit im Kanton Bern kann keineswegs mit der romanischen oder italienischen Minderheit in Graubünden verglichen werden.
Als Sprache ist das Französische durch sein Prestige und durch das Selbstbewusstsein seiner Sprecher sogar stärker als das Deutsche. Dazu kommt, dass viele Deutschberner zum Hochdeutschen eine gespaltene Beziehung haben: Es ist zwar die Sprache, die sie mühelos verstehen und auch am besten schreiben. Es ist sogar, jedenfalls seit der Reaktion der Schulen auf den wachsenden Gebrauch der Mundart im Unterricht auch eindeutig die Standardsprache, die sie in den allermeisten Fällen am besten sprechen. Dennoch ist Hochdeutsch nicht die Sprache ihres Herzens, viele sind deshalb gerne bereit, mit Welschen Französisch zu sprechen, selbst wenn sie es nicht so gut können.
Die Überlegenheit des Französischen zeigt sich auch daran, dass sich in Biel die Sprachgrenze vom Jura ins Mittelland verschoben hat und dass die alte deutschsprachige Minderheit im Jura selbst in den letzten 150 Jahren weitgehend verschwunden ist.
Das Französische ist im Status quo schon sehr gut geschützt. Der Südjura bildet im Kanton Bern einen eigenen Kreis, Biel und Leubringen sind amtlich zweisprachig, und in Bern können Kinder die französische Schule besuchen, obwohl Bern amtlich deutschsprachig ist und auch bleiben soll. Die angesagte allgemeine Förderung der deutsch-französischen Zweisprachigkeit im Kanton wird das Französische zusätzlich stützen. Es sind keine weiteren Maßnahmen und Einrichtungen nötig.
Der Expertenbericht erwähnt den geplanten Ausbau der Association romande et francophone de Berne et environs (ARB) als Dachverband für alle welschen Vereine im alten Kantonsteil. Die ARB war auch in der Expertenkommission vertreten. Sie hatte sich auch schon früher Gehör verschafft und soll nun wohl einen direkten Draht zur Regierung bekommen. Wir vermissen in der Liste der Experten Leute, welche die Aufgabe hatten, auch die Interessen der deutschsprachigen Bevölkerung zu vertreten, besonders jene der deutschsprachigen Minderheit im Verwaltungskreis Jura. Dabei ist diese wesentlich älter als die frankophone in Biel.
Es ist deshalb zu fordern, dass der Verwaltungskreis mit den kleinen amtlich deutschsprachigen Gemeinden Seehof und Schelten sowie den faktisch deutschsprachigen Gemeinden Mont-Tramelan und Rebévelier Rechnung trägt und offiziell zweisprachig wird. Es mag eingewandt werden, diese vier Gemeinschaften seien sehr klein und fielen nicht ins Gewicht. Aber an anderer Stelle heißt es doch im Bericht: „Natürlich darf dabei der Minderheitenschutz nicht vergessen werden, denn je kleiner eine Minderheit ist, umso stärker muss sie geschützt werden.” (S .31)
Im 19. und 20. Jahrhundert betrieben die meisten Gemeinden und der Kanton eine aktive oder passive Assimilationspolitik gegenüber einer Minderheit, die wesentlich älter war als die welsche Minderheit in Biel. Jetzt ergibt sich mit der Förderung der Zweisprachigkeit eine Gelegenheit der Wiedergutmachung an einer in Vergangenheit und Gegenwart stets loyalen Bevölkerung.

3. Wirtschaftliche Entwicklung durch Förderung des Bevölkerungswachstums, insbesondere von Französischsprachigen – geht das auf?

Es ist ein politisches Dogma in der Schweiz, dass Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung ein Bevölkerungswachstum voraussetzen. Wahr ist vielmehr, dass dazu gut qualifizierte Leute nötig sind, die am besten gleich vor Ort ausgebildet und rekrutiert werden. Länder wie Finnland und Island haben sich gedeihlich entwickelt und weisen einen Lebensstandard und eine Wirtschaftskraft auf, die jener der Schweiz vergleichbar ist. Das beträchtliche Bevölkerungswachstum auf Island ist vor allem auf eine andauernd hohe Geburtenrate zurückzuführen. In Finnland ist die Bevölkerung seit 1960 nur von 4,5 Millionen auf 5,5 Millionen gewachsen. Eine geringe Geburtenrate ist auch in der Schweiz seit vielen Jahren Tatsache. Sie ist aber durch Einwanderung überkompensiert worden. Wir können sehen, wie von Jahr zu Jahr der Siedlungsraum sich ausgeweitet hat und noch ausweitet, die Natur zurückgedrängt wird und der Verkehr zunimmt. Die Zersiedelung bringt es mit sich, dass es in den Ballungsräumen viele Leute an den Wochenenden dazu drängt, lange Fahrten auf sich zu nehmen, um anderswo der mehr oder weniger unverdorbenen Natur wieder nahezukommen.
Einen Austausch von Fachkräften mit anderen Landesteilen und dem Ausland braucht es natürlich schon. Bei der Anwerbung von Arbeitskräften geht es aber in erster Linie um die fachliche Qualität der Bewerber, nicht um deren Sprache. Wichtig ist vielmehr, dass die ansässige Bevölkerung durch gute Sprachkenntisse sowohl des Französischen als auch des Englischen ihre berufliche Tüchtigkeit ergänzt, um für sich selbst und die Gesellschaft in allen Bereichen der Wirtschaft nachhaltig einen guten Ertrag zu erwirtschaften.
Es ist aber unsinnig, die verspielten welschen Anteile am Kanton im Jura mit Zuzügern aus dem Welschland und aus dem Ausland ausgleichen zu wollen. Romands bleiben grundsätzlich lieber in ihrem Sprachgebiet, und wenn sie in die Deutschschweiz ziehen, dann doch eher in die Städte, vorzugsweise nach Bern, wo sie ein gutes welsches Beziehungsnetz pflegen können. Wenn ihnen gute Lebensqualität geboten wird, kommen sie gerne, vor allem, wenn sie zudem Sympathie für die Deutsch-Berner und deren Lebensart und Sprache hegen und sich nicht in einem kulturellen Ghetto verschanzen wollen.
Für geeignete Verbesserungen zur Erhöhung der Sprachkompetenz der Berner Bevölkerung und für Schritte zu einem überzeugenden Auftritt des Kantons Bern ist es nicht nötig, die ganze Gesetzgebung auf den Kopf zu stellen. Einzelne Änderungen genügen.

Polizeiposten Wangen an der Aare
Polizeiposten Wangen an der Aare

Der geschichtliche Hintergrund:
1. Jurapolitik seit 1948

BERN UND DER JURA– EINE LEIDENSGESCHICHTE
ODER WIRD MAN AUS SCHADEN WIRKLICH KLUG?

Seit bald hundert Jahren tut sich der Kanton Bern schwer mit dem „neuen Kantonsteil“, den Gebieten des ehemaligen Fürstbistums Basel, die 1815 am Wiener Kongress zu seinem Territorium geschlagen wurden. Bern betrachtete den „Holzschopf“ als geringe Kompensation für den verlorenen Waadtländer Weinberg und die verlorene Aargauer Kornkammer.
Die Leidensgeschichte begann im wesentlichen im Jahre 1947, als der Große Rat zweimal Regierungsrat Georges Möckli aus Neuenstadt die Übernahme des Bau- und Eisenbahndepartements verweigerte. Er tat das, obwohl Möckli um neun Jahre dienstälter war als sein Kollege und Parteigenosse Samuel Brawand, dem das gewichtige Departement damals zugesprochen wurde. Durch diesen Affront entwickelte sich aus der  latenten Unzufriedenheit im Jura eine Protest- und Separatismusbewegung, die schließlich zur Abspaltung des Kantons Jura führte. Georges Möckli eignete sich übrigens keineswegs als Ziel des deutschbernischen Misstrauens. Er war ein gemäßigter Sozialdemokrat, sein Großvater war aus dem Kanton Schaffhausen eingewandert, und er wuchs in Neuenstadt an der Sprachgrenze auf. Möckli fand sich damit ab, dass er im Sozial- und Fürsorgedepartement bleiben musste, und hatte keinen Anteil an der Radikalisierung jurassischer Kräfte.
vergebliches liebeswerben
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang. Es dauerte in der Tat nicht lange, bis die bernische Kantonalpolitik die undiplomatische Brüskierung Möcklis bereute. Sie bemühte sich darum, die Geister im Berner Jura zu beruhigen. Es wurde ihm mehr Autonomie zugestanden, regionale Bauprojekte wurden finanziert und die Wirtschaft wurde gefördert. Während in der Stadt Biel, die bis ins späte 19. Jahrhundert eine klar deutschsprachige Gemeinde gewesen war, die Zweisprachigkeit ausgebaut wurde, beschlossen Regierung und Großer Rat, die verbliebenen deutschsprachigen Schulen, die vor allem auf den Höhenzügen zu finden waren, zu verwelschen und die dort lebenden Bauern und Handwerker, zu einem großen Teil Täufer, allmählich zu romanisieren.
Die kleine, friedlich gesinnte Minderheit wollte und konnte sich mit der Obrigkeit nicht anlegen und schickte  sich nicht dazu an, sich vehement für ihre Kultur zu wehren. Dabei hatte und hat diese Kultur im Jura eine lange Tradition., aber in den 1950er Jahren wurden sie der Appeasement-Politik des Kantons geopfert. Mit der Schließung der Schule von Mont-Tramelan ist dieser Prozess abgeschlossen worden. Die kulturelle Eigenständigkeit dieser Täufer ist heute stark gefährdet. Die Familien sind nicht mehr so kinderreich wie früher, und die letzte dieser Schulen, jene von Mont-Tramelan, ist 2013 geschlossen worden, ganz im Gegensatz zur Dorfschule von Vellerat, in der in den 1970er und 1980er Jahren des letzten Jahrhunderts viele Jahre lang gerade noch eine Handvoll Kinder von dem separatistischen Agitator Eschmann unterrichtet wurden. Auch die Schule der deutschsprachigen Gemeinde Schelten ist geschlossen worden. Die verbliebenen Schulkinder müssen zum Unterricht nach Mümliswil, Balsthal und Münchenstein pendeln.
DER NORDJURA MACHT SICH SELBSTÄNDIG
Alle diese Bemühungen des Kantons haben wenig genützt. Durch politische Agitation, die auch vor Terroranschlägen nicht zurückschreckte, wurde der Kanton in die Enge getrieben und dazu genötigt, eine Abstimmung über die Sezession der jurassischen Amtsbezirke oder allenfalls eines Teils davon anzusetzen, mit Bundesrat Furgler als Götti des Unterfangens. Die Abstimmung wurde zur Katastrophe. Den Separatisten war es gelungen, einen Mythos zu schaffen und eine Mehrheit der Jurassier davon zu überzeugen, sie seien eine eigenständige Ethnie.
Immerhin schien es nach der Konstituierung des Kantons Jura und dem Wegzug des Laufentals zu Basel zu einer Beruhigung zu kommen; mit der Zeit arbeiteten die Kantone Bern und Jura in manchen Bereichen sogar erfolgreich zusammen.

TERRORANSCHLÄGE UND EIN NEUER ANLAUF ZU EINEM GEEINTEN KANTON JURA
Allerdings wurde von separatistischer Seite die Jurafrage gewaltsam offengehalten, es kam dabei zu symbolhaften terroristischen Anschlägen, bei denen auch Verletzte und Tote in kauf genommen wurden. Eine Auswahl: 1979, 1989, 1990 und noch einmal 2004 wurde in vier Anläufen der “Fritz” zerstört, die Statue La Sentinelle des Rangiers, welche an die Grenzwacht im Ersten Weltkrieg erinnerte. Am Gerechtigkeitsbrunnen in Bern wurde 1986 Hans Giengs Statute der Justitia vom Sockel gerissen und schwer beschädigt, 1989 wurde die alte Holzbrücke von Büren in Brand gesteckt und zerstört, 1993 flog der Wirtssohn Christophe Bader aus St.-Brais vor einem Anschlag auf das Berner Rathaus mit seinem Sprengsatz versehentlich selbst in die Luft, und zwar an seinem 21. Geburtstag.
Als indirekte Folge dieses Anschlages wurde 1994 die Interjurassische Versammlung ins Leben gerufen, die 2008 zum Ratschluss kam, es solle noch einmal über einen gesamtjurassischen Kanton Jura abgestimmt werden. So ward es am 12. Februar 2012 beschlossen, allerdings mit dem fatalen Zugeständnis an die jurassische Regierungsrätin Baume-Schneider, dass im Falle einer Ablehnung auch einzelne Gemeinden noch einmal über ihre Kantonszugehörigkeit beschließen könnten.
Das Ergebnis ist bekannt. Der Kreis Jura lehnte am 24.11.2013 die Bildung eines neuen Kantons ab. Münster (Moutier) beschloss am 18.06.2017, zum Kanton Jura zu wechseln. Wenig später entschieden sich Tiefenbach (Belprahon) und Surbeln (Sorvilier) für den Verbleib beim Kanton Bern. Gegen die Abstimmung in Münster wurde darauf mehrfach Einsprache erhoben, welche von der Regierungsstatthalterin nach eingehender Prüfung gutgeheißen ward. Das Dossier “Moutier” ist noch lange nicht erledigt.

KOMMENTAR
Welcher Schluss läst sich aus dieser Leidensgeschichte ziehen?
Vielleicht wäre es aus wirtschaftlichen und sprachlichen Gründen am besten gewesen, wenn die sechs ehemaligen welschen Amtsbezirke des Kantons Bern sich am Ende doch zu einem einzigen Kanton vereinigt hätten. Den Weiler Schafis hätte man aber vorgängig zu Ligerz schlagen und die Gemeinden Seehof und Schelten an den Kanton Solothurn abtreten müssen. Auch das Gebiet von Im Wiler (Envelier) und Schönenberg hätte dazugehört. Ederswiler hätte zuerst dem Laufental zugeteilt werden müssen; heute allerdings will die Gemeinde beim Kanton Jura bleiben und nicht mehr wechseln. Die ersten drei Plebiszite von 1974 und 1975 waren denkbar unsorgfältig vorbereitet worden.
Es greift indes zu kurz, die Jurafrage auf die Geographie, die sprachlichen Verhältnisse und den Wirtschaftsraum zu reduzieren. Die Jurassier im Süden wollen mehrheitlich bei Bern bleiben, obgleich sie mehrmals gefragt worden sind, ob sie sich nicht doch lieber aus diesem Kanton verabschieden möchten. Sie sind dem Kanton Bern seit Jahrhunderten verbunden, sind mehrheitlich protestantisch und großenteils Nachfahren von ausgewanderten Deutschbernern. In ihrer Mentalität stehen sie den Deutschbernern näher als die Nordjurassier. Das Zugeständnis einer neuerlichen Abstimmung in Moutier war für die Berntreuen dieses Fleckens eine Zumutung und eigentlich ein Rechtsbruch. Leider wehrten sich die Berntreuen zu wenig. Die Frage nach der gewünschten politischen Zugehörigkeit kann man vernünftigerweise nicht immer wieder stellen. Der Kanton Bern hat gegen den Grundsatz der Rechtssicherheit mehrmals verstoßen. Vielleicht will in Münster am Ende doch eine Mehrheit einen Kantonswechsel, aber die Entscheidung von 1975 war rechtsgültig. Es sieht auch so aus, als ob viele Politiker im Kanton Bern das aufsässige Moutier endlich loswerden wollen. Der größte Teil der Berner Bevölkerung scheint sich um die Verhältnisse und Ereignisse im Jura eh nicht mehr zu kümmern.
Noch vor der Abstimmung in Münster wollte der Berner Regierungsrat ein Zeichen dafür setzen, dass er sich erneut zur Zweisprachigkeit im Kanton bekannte. Zweisprachig ist der Kanton zwar immer noch, wenn auch weniger als früher. Das verlorene welsche Hinterland kann jedoch nicht durch Aktivismus und neue Gesetze wettgemacht werden. Dazu haben wir im ersten Beitrag schon einiges gesagt.

Der geschichtliche Hintergrund:
Deutsch und Welsch im Berner Jura und in Biel von 1815 bis heute

DIE ZWEISPRACHIGKEIT IM BERNER JURA UND AM JURAFUSS
IM 19. JAHRHUNDERT UND HEUTE

Es ist damit zu rechnen, dass schon im Mittelalter die Bevölkerung des späteren Berner Juras ein germanisches Element aufwies. Auf jedem Fall war Deutsch die Sprache des Fürstbischofs von Basel und seiner Verwaltung. Die Dörfer haben deshalb auch deutsche Namen, oft ist die deutsche Version sogar früher überliefert als die französische. 1712 fanden Täufer (Mennoniten), die von Ludwig XIV. aus dem Elsass ausgewiesen worden war, im Erzbistum Basel Zuflucht. Sie siedelten sich auf dem jurassischen Plateau an und machten das Land überhaupt erst für die Landwirtschaft nutzbar. Auch aus dem Emmental wanderten mennonitische Bauern aus; 1815 kamen sie wieder unter bernische Herrschaft.
Immerhin wurden sie von 1820 an vom Staat geduldet. Im Hungerjahr 1816 und in den folgenden Jahrzehnten wanderten wiederum viele Bauern in den Jura ein; meistens übernahmen sie Höfe von Leuten, die in die Uhrenindustrie in den Tälern abgewandert waren. Dazu kamen auch Uhrenarbeiter und Mechaniker aus der deutschen Schweiz, die in den Unternehmen Arbeit fanden, die sich in den südjurassischen Dörfern ansiedelten. Biel wurde ein bedeutendes Zentrum der Uhrenindustrie und zog viele französischsprachige Jurassier an.
Um die deutschsprachige Minderheit begann sich die reformierte Landeskirche des Kantons Bern zu kümmern. Bereits 1816 wurde eine deutsch-reformierte Pfarrei in Pruntrut gegründet; der Pfarrer predigte auch in Delsberg. In den Amtsbezirken Courtelary und Münster kamen bald weitere deutschsprachige Kirchgemeinden dazu, und so wurde die Landeskirche zu einer wesentlichen Stütze der Deutschberner. Es wurden auch eine Reihe staatlicher und privater Schulen gegründet. Der Grund dafür war jedoch nicht ein Drang zur „Germanisierung“ des Juras, sondern die pragmatische Einsicht, dass die Kinder dem französischen Unterricht nicht hätten folgen können, weil in ihrem Umfeld kein Französisch gesprochen wurde.   Um 1830 wohnten in den Amtsbezirken Courtelary und Moutier (Münster) 2500 deutschsprachige Reformierte, und ihre Zahl sollte noch zunehmen. 440 Kinder besuchten deutschsprachige Schulen. Es war die Zeit, als der allgemeine Schulunterricht durchgesetzt wurde, und das Angebot wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts noch ausgeweitet. Allerdings kamen die deutschen Schulen in den Dörfern seit 1864 unter Druck und gingen ein oder wurden in französische umgewandelt. Die Gründe: geringe Unterstützung durch die Behörden, deshalb prekäre Finanzlage, ungenügende Lokale, schlechte Löhne. Die Ortsbehörden besoldeten die Lehrerer in den französischen Schulen bis zu viermal besser. Der Verlust der eigenen Schulen wurde dadurch etwas abgefedert, dass an der Oberschule vier bis fünf Stunden Deutsch unterrichtet wurde. Immerhin waren deutsche Gesangsvereine gegründet worden, “in denen auch schon halb und fast ganz verwelschte Nachkommen mitmachen können und da noch eine Ahnung davon bekommen, was sie ihren Vorfahren verdanken. Nur die Schulen der Täufer konnten sich dank ihrem opferfreudigen Einsatz halten.“ Noch lange blieben jedoch die deutschen Kirchgemeinden eine Stütze der sprachlichen Minderheit im Berner Jura.
Die Sprachgruppen wurden durch Wanderungsbewegungen im Laufe der wirtschaftliche Entwicklung im damaligen Berner Jura und im Amtsbezirk Biel stark durchmischt. Die Volkszählung von 1888 weist für die Amtsbezirke Delsberg, Münster und Courtelary einen Drittel Deutschsprachige aus. Im Amtsbezirk Biel erreichte der welsche Anteil 1888 22,1%; er stieg bis 1919 auf 34,6%. Während im Berner Jura die deutschsprachige Minderheit durch Assimilation langsam abnahm, behielten die Welschberner in Biel ihre Sprache und konnten diese dank öffentlichen französischen Schulen und einem zunehmenden Gebrauch des Französischen als Amtssprache stützen. Immerhin: Trotz der kantonalen Assimilationspolitik zugunsten des Französischen gab in der Volkszählung 1960 immerhin noch ein Fünftel, im Amtsbezirk Neuenstadt sogar ein Viertel der Bevölkerung Deutsch als Muttersprache an. Seither ist ein weiterer Rückgang zu verzeichnen. Dieser ist zurückzuführen einerseits auf den Wegzug von Deutschschweizern wegen der politischen Spannungen und der zunehmenden Feindlichkeit gegenüber Deutschschweizern sowie auf Abwanderung wegen der Krise in der Uhrenindustrie seit 1975, anderseits auf fortgesetzte Assimilation der Kinder und deren Familien durch die Schule. Auch die Regionalzentren mit ihren Arbeitsplätzen und die Vereine spielen eine Rolle.  
Die Volkszählungen von 1990 und 2000 weisen einen starken Rückgang der Deutschsprachigen im Verwaltungskreis Berner Jura aus. Allerdings wurde nicht mehr nach der Muttersprache, sondern nach der Hauptsprache gefragt, wodurch die Zahlen mit jenen früherer Volkszählungen nicht mehr direkt vergleichbar sind. (Dasselbe gilt in noch verstärktem Maße für die Sprachen in Graubünden, s. die Beiträge dazu in 1/2018 und 2/2018.) In Biel anderseits hat der Anteil der Deutschsprachigen seit dem Jahre 2000 stark abgenommen und beträgt noch 54%; das ist vorwiegend auf Zuwanderung zurückzuführen. 39% sprechen Französisch als Hauptsprache, 9% Italienisch.


https://www.srf.ch/news/regional/bern-freiburg-wallis/2827-schelten-unterwegs-in-der-noerdlichsten-gemeinde-des-kantons-bern

https://blog.nationalmuseum.ch/2017/12/blog-geschichte-serie-entstehung-kanton-jura-3/

https://www.swissinfo.ch/ger/jura-feier-mit- misstoenen/
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Aeberhard Ad., Werden und 100 Jahre Bestehen der Deutschen Kirchgemeinde St. Immertal. Steffisburg und Bern 1943, S. 8

Aeberhard, S. 22. In Rennendorf (Courrendlin) wurde die Schule im späteren 19.Jh. deutsch, blieb es aber nur bis 1920. 

S. dazu Chiffelle, Frédéric. L’Arc jurassien romand à la frontière des langues: Faut-il craindre la germanisation? Lausanne (Payot) 2000, S 55f.

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2017.09.25

Die Großfusion Oberaargau Nord wurde am 24. September 2017 deutlich verworfen.

Vorgeschichte: Ausgangslage, Begründung und Umfang der Vorlage

2017.08.15
Bipperamt sowie Wangen und Umgebung neu als Fusionsgemeinde Oberaargau Nord?

Eine große Fusion ist angedacht, die neben dem Bipperamt selbst auch noch die beiden Walliswil, Wangen und Wangenried umfassen soll. Hinter dem Projekt haben sich die meisten Gemeinderäte des Gebietes gestellt. Die Hauptziele sind, Projekte von gemeinsamem Interesse gemeinsam anzugehen und mit einer Fusionsgemeinde ein Gegengewicht zum dominanten Langenthal innerhalb der Region Oberaargau zu bilden. Spareffekte sind bei dieser Übung keine zu erwarten, doch erhoffen sich die Initianten nachhaltige Investitionen, von welchen nicht nur einzelne Dörfer, sondern die ganze Gegend profitieren.

Der Preis dafür ist eine zentralisierte Verwaltung in Niederbipp und Wangen, die Professionalisierung des Gemeinderates - mindestens der Gemeindepräsident würde seine Aufgabe nur in einer Vollzeitstelle erfüllen können, bei den andern Gemeinderäten kämen Teilzeitstellen in Frage.

Die Gemeindeversammlungen würden abgeschafft und durch ein Gemeindeparlament ersetzt.

Damit verlören die gewöhnlichen Stimmberechtigten ihren direkten Einfluss auf die Exekutive. Von den Befürwortern werden die Gemeindeversammlungen allerdings als alter Zopf betrachtet: sie seien meist schlecht besucht und damit wenig repräsentativ und ermöglichten gut organisierten Minderheiten einen unangemessenen Einfluss.

Dass das so keineswegs stimmt, bewies zum Beispiel die Gemeindeversammlung in Attiswil vom 19. Juni 2017. Es nahmen daran 95 Stimmberechtigte und einige Dorfbewohner ohne Stimmrecht teil. Dank Voten und Anträgen aus dem Plenum wurden Änderungen zu zwei Geschäften beschlossen: Ein Haus mit der Wohnungen im Eigentum wird nun umfassender renoviert, als vom Gemeinderat vorgeschlagen, und statt einer minimalen Renovation der Mehrzweckhalle wurde einem Planungskredit von 100'000 Franken zugestimmt, aufgrund dessen dem Projekt einer umfassenden Sanierung die Variante eines Abbruchs der bestehenden Halle und des Neubaus einer Doppelturnhalle entgegengestellt wurde.

Das angeführte Beispiel beweist, dass an Gemeindeversammlungen sehr wohl sachlich diskutiert wird und sinnvolle Lösungen gefunden werden. Im Beispiel von Attiswil ist die sparsame und zögerliche Vorlage des Gemeinderates in kurzer Zeit durch einen etwas mutigeren, auf die Zukunft ausgerichteten Auftrag ersetzt worden. An der Veranstaltung waren fast hundert Stimmberechtigte anwesend; diese bekamen die ganze Diskussion mit, so dass unter Berücksichtigung eines Multiplikationsfaktors nun wesentlich mehr Leute im Dorf über die beiden Beschlüsse und die Überlegungen dahinter im Bilde sind, als wenn das Ganze nur in einem Gemeindeparlament behandelt worden wäre.

Die Auslagerung der gesetzgeberischen Macht in ein Gemeindeparlament bietet keine Gewähr für bessere Beschlüsse. Sie ist vielmehr mindestens teilweise das Ergebnis der Resignation und der Enttäuschung über ein eher schwindendes Interesse in der Bevölkerung an der Gemeinde- und Regionalpolitik. Dennoch übernehmen immer wieder auch jüngere Leute Gemeindeämter, wofür die Bevölkerung dankbar sein kann. Auch hier darf Attiswil als Beispiel dienen.

Diese immer noch eher ländliche Gegend soll nun also eine städtisch geprägte Organisation und Verwaltung bekommen. Das kann Vorteile bringen und entlastet vor allem kleinere Dörfer von der Suche nach Gemeinderäten und Kommissionsmitgliedern sowie Teilzeitangestellten in der Verwaltung der Einwohnergemeinde. Möglicherweise geht dann aber auch der ländliche Charakter, der durch einige große Überbauungen in den Industrie- und Gewerbezonen bereits geschmälert ist, weiter verloren, auch wenn die Befürworter geltend machen, der Charakter der einzelnen Dörfer werde dadurch nicht angetastet. Die Bürgernähe zu Gemeinderat, Kommissionen und Verwaltung würde jedenfalls als erstes geschmälert.

Eine Gefahr, die eine solche Fusion darstellen würde, ist auch die, dass die Hoffnungen auf ein größeres Gewicht der Dörfer am Jurafuß dadurch höchstens in geringem Maße erfüllt würden. Die Kantonsregierung und die Kantonale Verwaltung sind allerdings daran interessiert, dass die Kommunikation für Weisungen an Gemeinden erleichtert würde. Es ist allgemein bekannt, dass der Handlungsspielraum der Gemeinden im Kanton seit Jahrzehnten stark eingeschränkt worden ist, wodurch sich auch teilweise erklären lässt, warum Gemeindeämter nicht mehr so attraktiv sind.

Im Ringen um einen Vorschlag hat sich die Meinung gefestigt, nur eine Großfusion bringe die Lösung und sei den kommenden Aufgaben gewachsen. Dafür gibt es jedoch nördlich von Bern ein gewichtiges Gegenbeispiel: Fraubrunnen hat durch die Eingemeindung einiger umliegender Dörfer seine Bevölkerung verdreifacht und hat jetzt 5500 Einwohner. Es hat auch nach der Fusion die Gemeindeversammlung beibehalten. Diese wird auch rege besucht und möchte auch von den Politikern nicht gemisst werden.

Eine Verlobung? Nach geltendem Sprachgebrauch verloben sich zwei Leute, hier jedoch sollen sich elf Gemeinden zu einem noch zu schaffenden Gebilde vereinen. Das sieht eher nach Rudelbildung oder Vereinsgründung mit offenem Ausgang aus. Kleinere Fusionen, etwa von Wangen a.A. mit Wangenried und Walliswil b. Wangen, wurden verworfen, weil sie als zu zaghaft empfunden wurden und zu wenig Nutzen brächten.

Die angestrebte Großfusion würde nun ein Gebilde schaffen, welches die Bevölkerung einer Kleinstadt wie Burgdorf hätte, aber eine ganz dezentrale Struktur aufwiese. Die beiden Verwaltungszentren in Wangen a.A. und Niederbipp wären am südwestlichen und nordöstlichen Rand des Gebietes und würden weit auseinanderliegen. Das würde für viele von uns lange Wege zur Verwaltung bedeuten. Von Attiswil und Wiedlisbach aus z.B. wären beide nur motorisiert oder mit Bahn oder Bus zu erreichen. Von Attiswil aus wäre sogar ein Umsteigen in Wiedlisbach erforderlich. Da würde im wörtlichen Sinne, aber auch in übertragener Bedeutung die Bürgernähe fehlen.

Nun ist an einer Orientierungsveranstaltung der Befürworter vom 31. August im Bären geltendgemacht worden, dass heutzutage ohnehin vieles digital per Email, Fax und SMS erledigt werden könne. Das trifft zweifellos für viele Leute und in manchen Fällen zu, doch gibt es durchaus auch Dokumente, die nicht einfach digital eingesehen werden können, wie Baugesuche mit Plänen, und ein Zonenplan ist schon übersichtlicher, wenn man ihn in seiner ganzen Größe auf dem Tisch vor sich liegen hat, als wenn man zwischen einer Übersichtskarte und einen Detailausschnitt wählen muss. Außerdem schätzen es viele Leute, wenn sie den Gemeinderäten und Verwaltungsangestellten in die Augen schauen können, das als Ausgleich dazu, dass viele in unserer Gesellschaft überall und jederzeit per Mobiltelefon kommunizieren und ihre unmittelbare Umgebung oft gar nicht mehr wahrnehmen.

Auf den Ausgang der Abstimmung vom 24. September 2017 sind wir gespannt.

 

2017.05.25

Nun bekommt auch der Oberaargau seine Schnellstraße quer durch die Landschaft

Das Ergebnis war zu erwarten. Die meisten waren dafür:
1. die meisten Leute in Aarwangen, die unter dem Lärm und der Gefahr des Durchgangsverkehrs litten
2. die Oberaargauer Wirtschaft, die glaubt, zwei bis fünf Minuten weniger Fahrzeit bis zur Autobahn bringe dem Standort Langenthal einen gewaltigen Nutzen und Prestigegewinn
3. die meisten Lokal- und Regionalpolitiker, die etwas bewegen wollen, auch wenn es für Jahre nur Baumaschinen, Erde, Beton, Kies und Teer sind
4. die Presse, die der Meinung war, angesichts ihres Leidensdruckes habe die direkt betroffene Bevölkerung Anrecht auf eine radikale Lösung.
Alle wichtigen Argumente gegen diesen Autobahnzubringer - das ist er ja in Wirklichkeit - wurden unter den Teppich gewischt. Nicht von der Presse zwar, aber von der Regierung, der Region Oberaargau und vor allem vom Regierungsrat, der seine Macht nutzte - man kann auch sagen: missbrauchte -, um für den Planungskredit Reklame zu machen. Sechs der sieben Regierungsräte warben auch noch persönlich für das Projekt.
Dem hatten die Gegner der sog. Umfahrungsstraße Aarwangen nur das zu bieten, was einige engagierte Leute in ihrer Freizeit leisteten. Leider war die offizielle Website zum Thema nicht besonders attraktiv und wurde, wie die privaten Seiten zum Thema auf dieser Website, nicht allzu fleißig gelesen. Auch in den sozialen Medien war der Standpunkt wenig präsent.
Die neue Straße wird wesentlich mehr Verkehr bringen, und gut die Hälfte davon wird weiterhin durch Aarwangen rollen, weil das Dorf mit der Ausweitung seiner Wohngebiete und seiner Industrie- und Gewerbezone viel Ziel- und Quellverkehr hat. Außerdem werden es sich die Lastwagenfahrer aus Langenthal-Ost zweimal überlegen, ob sie den Umweg über Bützberg-Hard machen sollen.
Die erhoffte Belebung für die Wirtschaft wird ausbleiben. Kurz nach der Annahme des Projektierungskredits verkündete die Ammann-Gruppe, dass in der Produktion 120 Arbeitsplätze ins Ausland verlegt würden. Der Langenthaler Standort konzentriert sich auf Entwicklung und die Fertigung von Prototypen. Eine Überraschung ist das nicht.
Die Sanierung des Dorfes hingegen, besonders entlang der Strecke, wo auch die Bahn fährt, wird nun weniger zügig an die Hand genommen werden als bei einer Lösung wie in Bützberg.

Vorgeschichte dazu:

2014.02.03

Regierungsrat will nun Autobahnzubringer Oberaargau und Emmental mit Tramgeldern bauen

Die Vorlage für ein Tram zwischen Ostermundigen und Köniz, welches den oft übefüllten Bus ersetzen sollten, wurde bekanntlich am 28. September 2014 verworfen. Erstaunlich ist, dass die Vorlage in den beiden Vorortsgemeinden abgelehnt wurde, die von einer besseren Verbindung nach Bern hauptsächlich den Nutzen gezogen hätten. In der Stadt jedoch fand das Projekt Zustimmung trotz der vorgesehenen Linienführung durch Spital- und Marktgasse, welche dieser Hauptachse der Oberstadt noch mehr Verkehr beschert und für Fußgänger (noch) wesentlich gefährlicher gemacht hätte.

http://www.bern.ch/mediencenter/aktuell_ptk_sta/tramlinie-10-trotz-zustimmung-in-der-stadt-bern-abgelehnt

http://www.bernerzeitung.ch/abstimmungsresultate/bern/Tram-Region-Bern-ist-gescheitert/story/30287908
http://www.derbund.ch/bern/region/Ostermundigens-unsichere-Zukunft-ohne-Tram/story/13549895

Dafür will der rot-grüne Regierungsrat des Kantons Bern die Gelder, die für das Tram reserviert waren, nun in die beiden Autobahnzubringer Oberaargau und Emmental investieren. Die Projekte segeln nun neu unter dem Titel "Verkehrssanierung". Der Große Rat hab beschlossen, den Fonds. in welchem angeblich Ende März 2015 dann "noch 150 bis 280 Millionen Franken"liegen werden, nicht mehr weiterzuführen.

http://www.bernerzeitung.ch/region/kanton-bern/Tramgelder-sollen-in-Strassenausbau-fliessen/story/11083295
.

Es ist zu vermuten und zu hoffen, dass diese Rechnung nicht aufgehen wird. Die Ausführung der beiden Projekte würde zusammen gegen eine Milliarde kosten. Der Regierungsrat erhofft sich das fehlende Geld beim Bund zu holen, obgleich eine Aufnahme der beiden Strecken ins Nationalstraßenprogramm bereits mehrmals abgelehnt worden ist. Außerdem ist damit zu rechnen, dann in der Region Bern bald eine verbesserte Auflage der Tramvorlage Köniz-Ostermundigen folgen wird. Es ist anzunehmen, dass der Leidensdruck der Betroffenen in den Bussen dafür sorgen wird, dass sich die Leute die Sache noch einmal überlegen und einer zweiten Vorlage zustimmen werden. Das haben wir ja bei den Linien nach Bümpliz und Bethlehem auch schon einmal gehabt. Es ist nicht ratsam, einen neuerlichen Anlauf zu einer neuen Tramlinie mit einer Politik der leeren Kassen zu verbauen, und zwar aus sachlichen Gründen und auch, weil es nichts bringt, einen neuen künstlichen Graben zwischen Stadt und Land aufzureißen.

 

 

 

 


 

2017.09.25

Gemeindefusionen im Kanton Bern mit Augenmaß planen

Die Großfusion Oberaargau Nord wurde am 24. September 2017 deutlich verworfen.

Vorgeschichte: Ausgangslage, Begründung und Umfang der Vorlage

2017.08.15
Bipperamt sowie Wangen und Umgebung neu als Fusionsgemeinde Oberaargau Nord?

Eine große Fusion ist angedacht, die neben dem Bipperamt selbst auch noch die beiden Walliswil, Wangen und Wangenried umfassen soll. Hinter dem Projekt haben sich die meisten Gemeinderäte des Gebietes gestellt. Die Hauptziele sind, Projekte von gemeinsamem Interesse gemeinsam anzugehen und mit einer Fusionsgemeinde ein Gegengewicht zum dominanten Langenthal innerhalb der Region Oberaargau zu bilden. Spareffekte sind bei dieser Übung keine zu erwarten, doch erhoffen sich die Initianten nachhaltige Investitionen, von welchen nicht nur einzelne Dörfer, sondern die ganze Gegend profitieren.

Der Preis dafür ist eine zentralisierte Verwaltung in Niederbipp und Wangen, die Professionalisierung des Gemeinderates - mindestens der Gemeindepräsident würde seine Aufgabe nur in einer Vollzeitstelle erfüllen können, bei den andern Gemeinderäten kämen Teilzeitstellen in Frage.

Die Gemeindeversammlungen würden abgeschafft und durch ein Gemeindeparlament ersetzt.

Damit verlören die gewöhnlichen Stimmberechtigten ihren direkten Einfluss auf die Exekutive. Von den Befürwortern werden die Gemeindeversammlungen allerdings als alter Zopf betrachtet: sie seien meist schlecht besucht und damit wenig repräsentativ und ermöglichten gut organisierten Minderheiten einen unangemessenen Einfluss.

Dass das so keineswegs stimmt, bewies zum Beispiel die Gemeindeversammlung in Attiswil vom 19. Juni 2017. Es nahmen daran 95 Stimmberechtigte und einige Dorfbewohner ohne Stimmrecht teil. Dank Voten und Anträgen aus dem Plenum wurden Änderungen zu zwei Geschäften beschlossen: Ein Haus mit der Wohnungen im Eigentum wird nun umfassender renoviert, als vom Gemeinderat vorgeschlagen, und statt einer minimalen Renovation der Mehrzweckhalle wurde einem Planungskredit von 100'000 Franken zugestimmt, aufgrund dessen dem Projekt einer umfassenden Sanierung die Variante eines Abbruchs der bestehenden Halle und des Neubaus einer Doppelturnhalle entgegengestellt wurde.

Das angeführte Beispiel beweist, dass an Gemeindeversammlungen sehr wohl sachlich diskutiert wird und sinnvolle Lösungen gefunden werden. Im Beispiel von Attiswil ist die sparsame und zögerliche Vorlage des Gemeinderates in kurzer Zeit durch einen etwas mutigeren, auf die Zukunft ausgerichteten Auftrag ersetzt worden. An der Veranstaltung waren fast hundert Stimmberechtigte anwesend; diese bekamen die ganze Diskussion mit, so dass unter Berücksichtigung eines Multiplikationsfaktors nun wesentlich mehr Leute im Dorf über die beiden Beschlüsse und die Überlegungen dahinter im Bilde sind, als wenn das Ganze nur in einem Gemeindeparlament behandelt worden wäre.

Die Auslagerung der gesetzgeberischen Macht in ein Gemeindeparlament bietet keine Gewähr für bessere Beschlüsse. Sie ist vielmehr mindestens teilweise das Ergebnis der Resignation und der Enttäuschung über ein eher schwindendes Interesse in der Bevölkerung an der Gemeinde- und Regionalpolitik. Dennoch übernehmen immer wieder auch jüngere Leute Gemeindeämter, wofür die Bevölkerung dankbar sein kann. Auch hier darf Attiswil als Beispiel dienen.

Diese immer noch eher ländliche Gegend soll nun also eine städtisch geprägte Organisation und Verwaltung bekommen. Das kann Vorteile bringen und entlastet vor allem kleinere Dörfer von der Suche nach Gemeinderäten und Kommissionsmitgliedern sowie Teilzeitangestellten in der Verwaltung der Einwohnergemeinde. Möglicherweise geht dann aber auch der ländliche Charakter, der durch einige große Überbauungen in den Industrie- und Gewerbezonen bereits geschmälert ist, weiter verloren, auch wenn die Befürworter geltend machen, der Charakter der einzelnen Dörfer werde dadurch nicht angetastet. Die Bürgernähe zu Gemeinderat, Kommissionen und Verwaltung würde jedenfalls als erstes geschmälert.

Eine Gefahr, die eine solche Fusion darstellen würde, ist auch die, dass die Hoffnungen auf ein größeres Gewicht der Dörfer am Jurafuß dadurch höchstens in geringem Maße erfüllt würden. Die Kantonsregierung und die Kantonale Verwaltung sind allerdings daran interessiert, dass die Kommunikation für Weisungen an Gemeinden erleichtert würde. Es ist allgemein bekannt, dass der Handlungsspielraum der Gemeinden im Kanton seit Jahrzehnten stark eingeschränkt worden ist, wodurch sich auch teilweise erklären lässt, warum Gemeindeämter nicht mehr so attraktiv sind.

Im Ringen um einen Vorschlag hat sich die Meinung gefestigt, nur eine Großfusion bringe die Lösung und sei den kommenden Aufgaben gewachsen. Dafür gibt es jedoch nördlich von Bern ein gewichtiges Gegenbeispiel: Fraubrunnen hat durch die Eingemeindung einiger umliegender Dörfer seine Bevölkerung verdreifacht und hat jetzt 5500 Einwohner. Es hat auch nach der Fusion die Gemeindeversammlung beibehalten. Diese wird auch rege besucht und möchte auch von den Politikern nicht gemisst werden.

Eine Verlobung? Nach geltendem Sprachgebrauch verloben sich zwei Leute, hier jedoch sollen sich elf Gemeinden zu einem noch zu schaffenden Gebilde vereinen. Das sieht eher nach Rudelbildung oder Vereinsgründung mit offenem Ausgang aus. Kleinere Fusionen, etwa von Wangen a.A. mit Wangenried und Walliswil b. Wangen, wurden verworfen, weil sie als zu zaghaft empfunden wurden und zu wenig Nutzen brächten.

Die angestrebte Großfusion würde nun ein Gebilde schaffen, welches die Bevölkerung einer Kleinstadt wie Burgdorf hätte, aber eine ganz dezentrale Struktur aufwiese. Die beiden Verwaltungszentren in Wangen a.A. und Niederbipp wären am südwestlichen und nordöstlichen Rand des Gebietes und würden weit auseinanderliegen. Das würde für viele von uns lange Wege zur Verwaltung bedeuten. Von Attiswil und Wiedlisbach aus z.B. wären beide nur motorisiert oder mit Bahn oder Bus zu erreichen. Von Attiswil aus wäre sogar ein Umsteigen in Wiedlisbach erforderlich. Da würde im wörtlichen Sinne, aber auch in übertragener Bedeutung die Bürgernähe fehlen.

Nun ist an einer Orientierungsveranstaltung der Befürworter vom 31. August im Bären geltendgemacht worden, dass heutzutage ohnehin vieles digital per Email, Fax und SMS erledigt werden könne. Das trifft zweifellos für viele Leute und in manchen Fällen zu, doch gibt es durchaus auch Dokumente, die nicht einfach digital eingesehen werden können, wie Baugesuche mit Plänen, und ein Zonenplan ist schon übersichtlicher, wenn man ihn in seiner ganzen Größe auf dem Tisch vor sich liegen hat, als wenn man zwischen einer Übersichtskarte und einen Detailausschnitt wählen muss. Außerdem schätzen es viele Leute, wenn sie den Gemeinderäten und Verwaltungsangestellten in die Augen schauen können, das als Ausgleich dazu, dass viele in unserer Gesellschaft überall und jederzeit per Mobiltelefon kommunizieren und ihre unmittelbare Umgebung oft gar nicht mehr wahrnehmen.

Auf den Ausgang der Abstimmung vom 24. September 2017 sind wir gespannt.

2017.05.25

Nun bekommt auch der Oberaargau seine Schnellstraße quer durch die Landschaft

Das Ergebnis war zu erwarten. Die meisten waren dafür:
1. die meisten Leute in Aarwangen, die unter dem Lärm und der Gefahr des Durchgangsverkehrs litten
2. die Oberaargauer Wirtschaft, die glaubt, zwei bis fünf Minuten weniger Fahrzeit bis zur Autobahn bringe dem Standort Langenthal einen gewaltigen Nutzen und Prestigegewinn
3. die meisten Lokal- und Regionalpolitiker, die etwas bewegen wollen, auch wenn es für Jahre nur Baumaschinen, Erde, Beton, Kies und Teer sind
4. die Presse, die der Meinung war, angesichts ihres Leidensdruckes habe die direkt betroffene Bevölkerung Anrecht auf eine radikale Lösung.
Alle wichtigen Argumente gegen diesen Autobahnzubringer - das ist er ja in Wirklichkeit - wurden unter den Teppich gewischt. Nicht von der Presse zwar, aber von der Regierung, der Region Oberaargau und vor allem vom Regierungsrat, der seine Macht nutzte - man kann auch sagen: missbrauchte -, um für den Planungskredit Reklame zu machen. Sechs der sieben Regierungsräte warben auch noch persönlich für das Projekt.
Dem hatten die Gegner der sog. Umfahrungsstraße Aarwangen nur das zu bieten, was einige engagierte Leute in ihrer Freizeit leisteten. Leider war die offizielle Website zum Thema nicht besonders attraktiv und wurde, wie die privaten Seiten zum Thema auf dieser Website, nicht allzu fleißig gelesen. Auch in den sozialen Medien war der Standpunkt wenig präsent.
Die neue Straße wird wesentlich mehr Verkehr bringen, und gut die Hälfte davon wird weiterhin durch Aarwangen rollen, weil das Dorf mit der Ausweitung seiner Wohngebiete und seiner Industrie- und Gewerbezone viel Ziel- und Quellverkehr hat. Außerdem werden es sich die Lastwagenfahrer aus Langenthal-Ost zweimal überlegen, ob sie den Umweg über Bützberg-Hard machen sollen.
Die erhoffte Belebung für die Wirtschaft wird ausbleiben. Kurz nach der Annahme des Projektierungskredits verkündete die Ammann-Gruppe, dass in der Produktion 120 Arbeitsplätze ins Ausland verlegt würden. Der Langenthaler Standort konzentriert sich auf Entwicklung und die Fertigung von Prototypen. Eine Überraschung ist das nicht.
Die Sanierung des Dorfes hingegen, besonders entlang der Strecke, wo auch die Bahn fährt, wird nun weniger zügig an die Hand genommen werden als bei einer Lösung wie in Bützberg.

Vorgeschichte dazu:

2014.02.03

Regierungsrat will nun Autobahnzubringer Oberaargau und Emmental mit Tramgeldern bauen

Die Vorlage für ein Tram zwischen Ostermundigen und Köniz, welches den oft übefüllten Bus ersetzen sollten, wurde bekanntlich am 28. September 2014 verworfen. Erstaunlich ist, dass die Vorlage in den beiden Vorortsgemeinden abgelehnt wurde, die von einer besseren Verbindung nach Bern hauptsächlich den Nutzen gezogen hätten. In der Stadt jedoch fand das Projekt Zustimmung trotz der vorgesehenen Linienführung durch Spital- und Marktgasse, welche dieser Hauptachse der Oberstadt noch mehr Verkehr beschert und für Fußgänger (noch) wesentlich gefährlicher gemacht hätte.

http://www.bern.ch/mediencenter/aktuell_ptk_sta/tramlinie-10-trotz-zustimmung-in-der-stadt-bern-abgelehnt

http://www.bernerzeitung.ch/abstimmungsresultate/bern/Tram-Region-Bern-ist-gescheitert/story/30287908
http://www.derbund.ch/bern/region/Ostermundigens-unsichere-Zukunft-ohne-Tram/story/13549895

Dafür will der rot-grüne Regierungsrat des Kantons Bern die Gelder, die für das Tram reserviert waren, nun in die beiden Autobahnzubringer Oberaargau und Emmental investieren. Die Projekte segeln nun neu unter dem Titel "Verkehrssanierung". Der Große Rat hab beschlossen, den Fonds. in welchem angeblich Ende März 2015 dann "noch 150 bis 280 Millionen Franken"liegen werden, nicht mehr weiterzuführen.

http://www.bernerzeitung.ch/region/kanton-bern/Tramgelder-sollen-in-Strassenausbau-fliessen/story/11083295
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Es ist zu vermuten und zu hoffen, dass diese Rechnung nicht aufgehen wird. Die Ausführung der beiden Projekte würde zusammen gegen eine Milliarde kosten. Der Regierungsrat erhofft sich das fehlende Geld beim Bund zu holen, obgleich eine Aufnahme der beiden Strecken ins Nationalstraßenprogramm bereits mehrmals abgelehnt worden ist. Außerdem ist damit zu rechnen, dann in der Region Bern bald eine verbesserte Auflage der Tramvorlage Köniz-Ostermundigen folgen wird. Es ist anzunehmen, dass der Leidensdruck der Betroffenen in den Bussen dafür sorgen wird, dass sich die Leute die Sache noch einmal überlegen und einer zweiten Vorlage zustimmen werden. Das haben wir ja bei den Linien nach Bümpliz und Bethlehem auch schon einmal gehabt. Es ist nicht ratsam, einen neuerlichen Anlauf zu einer neuen Tramlinie mit einer Politik der leeren Kassen zu verbauen, und zwar aus sachlichen Gründen und auch, weil es nichts bringt, einen neuen künstlichen Graben zwischen Stadt und Land aufzureißen.


2013.05.26

Politologe Michael Hermann will die Schweiz weiter zubauen: Wachstum bis zum Ersticken

Des Politologen weiser Rat an die Berner: Betoniert die Umgebung eurer Stadt wie wir in Zürich. Zwar haben wir in der Schweiz eine Geburtenrate von 1.5, also müsste die Bevölkerung abnehmen. Es gelingt uns jedoch, mit Einwanderung jährlich über 1% mehr Einwohner zu haben, und so wächst auch die Wirtschaft. Der Wohlstand der meisten Leute nimmt jedoch nicht zu, die Lebensqualität schon gar nicht.

Artikel in der BZ:

http://www.bernerzeitung.ch/region/kanton-bern/Der-Selbstbetrug-im-gruenen-Grossraum-Bern/story/29476532


2013.05.24

Raumplanungsgesetz und Zweitwohnungsinitiative

Wir haben im Mittelland eine ähnliche Aufgabe wie die Bergler, nämlich sorgsam mit dem Boden umzugehen, insbesondere auch mit dem Kulturland. Das Raumplanungsgesetz setzt erste Pflöcke, weitere werden hoffentlich folgen. Der neue Verfassungsartikel dank Zweitwohnungsinitiative schützt die Berglandschaft weitgehend vor weiterer Überbauung und schafft die Grundlage für eine nachhaltige Entwicklung im Fremdenverkehr.


2013.05.23

Harte Linie des Bundesgerichts bei der Zweitwohnungsinitiative:
Der neue Verfassungsartikel gilt bereits vom Abstimmungstag an, also vom 12. März 2012;
Helvetia Nostra und die Stiftung für Landschaftsschutz sind zu Einsprachen berechtigt.

Aus der erwarteten Bauflut dank Baubewilligungen, die letztes Jahr zwischen dem 13. März und Ende Jahr noch bewilligt worden sind, zum Teil in Feuerwehrübungen, wird nichts. Helvetia Nostra und die Stiftung für Landschaftsschutz haben fleißig Einsprachen und Beschwerden gegen Baugesuche bzw. Baubewilligungen erhoben, die den neuen Bestimmungen widerlaufen.
Das ist gut so. Es scheint, dass es nötig war, das Berggebiet teilweise gegen den Willen der Bevölkerung zu schützen und ihm eine nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen. Es stimmt zwar, dass die Bauwirtschaft in vielen Gemeinden empfindlich getroffen wird und um eine Gesundschrumpfung nicht herumkommt. Das wird ziemliche viele Unternehmer und Arbeiter direkt betreffen und z.T. in erhebliche Schwierigkeiten bringen. Allerdings haben in den letzten Jahrzehnten die Bauunternehmungen nicht nur optisch mit ihren Bauplätzen das Bild der Bergdörfer geprägt, sondern sind in vielen Tourismusgemeinden auch politisch am Drücker gewesen. Dabei ist übersehen worden, dass schon vor der Abstimmung vom 12. März 2012 im Wahlkampf und auch unabhängig von der eidg. Volksinitiative in manchen Kantonen und vielen Gemeinden Signale ausgesendet wurden, die erkennen ließen, dass die Bautätigkeit nicht mehr im bisherigen Rahmen weitergehen konnte und dass in recht naher Zukunft kein Boden mehr würde überbaut werden können, wenn die Grundlage des Tourismus, nämlich die schöne Landschaft, erhalten bleiben sollte. Innovation ist gefragt: Bestehender Wohnraum kann für Gäste besser genutzt werden, und das trägt dann auch zum Einkommen der Berggemeinden und ihrer Bevölkerung bei. Es werden neue Arbeitsplätze geschaffen, die auch Leuten zugute kommen können, die vorher in der Baubranche gearbeitet haben. Die Bauunternehmer selbst können teilweise auf Renovationen ausweichen. Wenn bestehende Ferienhäuser und -wohnungen vermehrt vermietet werden, stehen auch Umbauarbeiten an.
Eine Berglandschaft, in welcher die Dörfer durch große und zum Teil hässliche Überbauungen entstellt sind, dient dem Tourismus letztlich nicht. Vielmehr würden wir durch ungebremste Bautätigkeit dem Tourismus bald einmal die Grundlage entziehen. Dem ist nun ein Riegel geschoben.
Gewinner der Abstimmung sind neben der Landschaft und letztlich neben den Berglern insgesamt besonders die Eigentümer bestehender Zweitwohnungen. Der Wert ihrer Liegenschaften wird in der Regel steigen. So können diese Eigentümer es auch verkraften, wenn sie mehr als bisher an die Infrastrukturkosten der Gemeinden beitragen müssen. Es ist abzusehen, dass viele Gemeinden dem Beispiel Silvaplanas folgen werden.


2013.05.22

Chaoten am Cupfinal und die späte Einsicht der Berner Stadtregierung

Die Einsicht und die markigen Worte Nauses und Tschäppäts kommen reichlich spät. Die Stadtregierung machte unangemessene Konzessionen an die Fußballfans aus Zürich und Basel; das Ergebnis war vorauszusehen. Die Chaoten haben sich wieder einmal einen rechtsfreien Raum geschaffen.
Die Schließung des Hauptbahnhofes für Reisende war ein Skandal. Vorher war oft argumentiert worden, auch Fußballfans hätten das Recht, bis in die Stadtmitte zu fahren, wenn sie es denn wollten. Den Fans wurde nachgegeben, andere Reisende hatten das Nachsehen.
Dann sollten ja die beiden Gruppen getrennt und zeitversetzt zum Stadion marschieren. Das wussten bereits in der Innenstadt einige Anhänger des FCB zu verhindern, indem sie auf jene von GC warteten und auf sie losgingen. Die zum Teil vermummten Leute wurden in der Stadt ungestraft gewalttätig, vergriffen sich an fremdem Eigentum, hinterließen Abfall und Unrat. Dann zogen die beiden Gruppen getrennt zum Stadion und bereits wurden Pyros gezündet.
Gegen Fanmärsche ist an sich nichts einzuwenden. Gerne erinnern wir uns an die Niederländer, welche an der EM mehrmals fröhlich über die Kornhausbrücke zogen. Doch am Pfingstmontag führten Vermummte die beiden Züge an. Vielleicht waren die meisten Fans, die ihnen nachliefen, friedlich gesinnt. Doch Mitläufer tragen auch Verantwortung für die Ereignisse. Ohne sie könnten sich die Chaoten nicht so frei und unerkannt bewegen.
Auf einem Bild ist zu sehen, wie ein paar Polizisten am Ende der Kornhausbrücke auf verlorenem Posten zusehen, wie der Basler Pulk heranmarschiert. Einer der Ordnungshüter hat sich sogar in die Straßenmitte vorgewagt, doch er würde sich nicht getrauen, zwecks Anzeige die Personalien der Männer mit den Strümpfen über ihren Gesichtern aufzunehmen.
Die Probleme lassen sich schon lösen, allerdings haben die Politiker die Zügel schon lange schleifen lassen. Die Käufer der Eintrittskarten und Benützer der Sonderzüge müssen beim Bezug registriert werden; für einen Polizei- und Ordnungsdienst der Stadt, welcher den Namen verdient, soll auf jedem Ticket ein Zuschlag von 50 Franken erhoben werden.
Endlich müssen auch die Pyros verschwinden. Das geht schon, wenn man es will. Ich bin auch schon in Edinburgh an einem heißen Spiel zwischen Hearts und Celtic gewesen; von Pyros und Gewalt keine Spur. Rings ums Spielfeld waren im Abstand von wenigen Metern Ordnungswächter postiert, welche aufmerksam nicht das Spiel, sondern das Publikum beobachteten. Aber vielleicht ist Feigheit ein Merkmal von uns Schweizern im allgemeinen und von unseren Politikern im besonderen.


2013.04.29

Landschaftsschutz im allgemeinen und Schutz des Ackerlands im besonderen:
Es tut sich was in der Schweiz - auch im Kanton Bern

Die Schweiz ist erwacht: Das Volk will die weitere Zersiedelung des Landes nicht mehr hinnehmen. Es geht darum, dass die Leute in unserem Lande zunehmend die Einsicht gewinnen, dass das wirtschaftliche Wachstum gezügelt werden muss.
Die Bevölkerung ist stark gewachsen, und zwar ausschließlich durch Zuwanderung. Die Nachfrage nach Wohnraum ist gestiegen, und der Verkehr auf Bahn und Straße hat massiv zugenommen. Es wird mehr Energie verbraucht, und dies erschwert die Energiewende, die ja jetzt großmehrheitlich befürwortet wird.
Gemeinden und Regionen haben gehofft, durch Bevölkerungswachstum mehr Steuern einzunehmen. Viele Gemeinden haben dabei durch ihre Bautätigkeit ihre Naherholungsgebiete zerstört, so dass die Leute nicht mehr zu Fuß in vernünftiger Zeit ins Grüne gelangen können. Manches Dorf sieht nun auch ziemlich hässlich aus und hat seine Seele verkauft. So ist Lebensqualität verloren gegangen.
Größerer Wohlstand hat diesen Verlust nicht wettgemacht. In der Schweiz tritt das durchschnittliche Einkommen an Ort, der finanzielle Mehrwert ist im wesentlichen nur einer kleinen Minderheit zugeflossen, die meistens nicht in den verunstalteten Dörfern wohnt und ihre Ferien weit weg von daheim verbringt.

Es lohnt es sich jedoch immer noch, Gegensteuer zu geben. Die Zweitwohnungsinitiative, die vor einem Jahre knapp angenommen wurde, wurde von der Stiftung Franz Weber lanciert, also eigentlich von einer Familie. Pro Natura hat es geschafft, dass die Eidgenössischen Räte als Gegenvorschlag ein Gesetz ausarbeitete und annahmen, welches die Ziele der Volksinitiative erfüllt. Im Kanton Zürich, der mehrheitlich bürgerlich geprägt ist, hat das Stimmvolk überraschend die Kulturinitiative der Grünen angenommen. Nun sind die FFF, die Fruchtfolgeflächen, die nicht eingezont sind, der Überbauung endgültig entzogen. Der Schritt erfolgt reichlich spät, aber besser spät als nie.

Nun hat auch im Kanton Bern die LOBAG, welche 12'000 Bäuerinnen und Bauern im Kanton vertritt, die Lancierung einer Kulturinitiative beschlossen. Die Kanton Freiburg und Solothurn sollen folgen. Die Initianten können sich gute Aussichten auf Erfolg ausrechnen. Sie tun sich zunächst selbst einen Dienst, denn wenn die Bauern als Gesellschaftsschicht im Kanton noch eine Rolle spielen wollen, sind sie daran interessiert, ihre Lebensgrundlage zu erhalten. Sie tun aber auch allen andern einen Dienst, denn wir haben ein schöneres Leben in einer Landschaft, in welcher Stadtgebiete und größere Dörfer durch zusammenhängendes offenes Land ausgeglichen werden, als wenn wir aus Industriegebieten, Einkaufszentren, Straßen und Parkplätzen, Wohnblöcken und Einfamilienhaussiedlungen nicht mehr herauskommen.

Stagniert dann die Wirtschaft? Nein, aber sie muss qualitativ wachsen, auf derselben Fläche, mit derselben Energie und mit gleich viel Personal Mehrwert schöpfen, d.h. in erster Linie bessere, hochwertige Produkte herstellen und sie zu einem Preis absetzen, den genug Käufer zu zahlen gewillt sind. Ungenutztes Industrielandreserven gibt es übrigens gemäß Brachenliste von Wüest & Partner eine ganze Menge, insgesamt etwa 1820 Hektaren in der Schweiz. Davon sind 1000 ha Industriebrachen im engeren Sinne, 220 ha Bahnbrachen, dazu kommen 88 ha Militärbrachen, 434 ha ausgemusterte Flugplätze und 83 ha andere Brachen. Davon sind
–   rund 235 ha Brachen im Kanton Bern (davon rund 100 ha Industriebrachen im engeren Sinne)
–   über 100 ha Brachen im Kanton Solothurn (davon rund 78 ha Industriebrachen im engeren Sinne).

Links zu den Industriebrachen:
–   Industriebrachen 2008: http://www.industriebrache.ch/brachenbestand
–   Industriebrachen in den Kantonen von Wüest & Partner (Diese Liste wird regelmäßig nachgeführt.)

Die Berner Initiative in der Presse:

Berner Bauern planen Kulturlandinitiative

http://www.derbund.ch/bern/kanton/Berner-Bauern-planen-Kulturlandinitiative/story/19299121
(11. April 2013)

Das Bauernland soll in der bernischen Kantonsverfassung so gut geschützt werden wie der Wald.Das ist die Stossrichtung einer kantonalen Initiative, die der Bauernverband Lobag in den nächsten Monaten ausarbeiten will.Die Delegierten gaben dazu am Donnerstag in Thun grünes Licht. Mit 274 Ja-Stimmen bei einer Gegenstimme und vereinzelten Enthaltungen sprachen sie sich für die Lancierung eines Begehrens zum Schutz der produktiven Landwirtschaftsflächen aus, wie der Verband mitteilte.Das Bauernland sei «in höchstem Mass gefährdet», hiess es an der Delegiertenversammlung. Im Kanton Bern gingen jedes Jahr etwa vier Quadratkilometer Bauernland verloren; das entspreche in sieben Jahren der Fläche des Brienzersees.Gründe dafür gebe es viele: Bautätigkeit, Siedlungsentwicklung, Verkehr und Freizeitaktivitäten gehörten dazu. Schon heute kann der Kanton Bern laut Lobag die nationalen Vorgaben bezüglich Fruchtfolgeflächen nicht mehr erfüllen.Bis zu 6000 Hektaren Fruchtfolgeflächen fehlen, wie Lobag-Präsident Hans Jörg Rüegsegger gegenüber Radio SRF erklärte. «Es besteht also Handlungsbedarf. Um unsere wichtigste Ressource langfristig zu erhalten, braucht es griffigere Instrumente.»WerbungAdTech adPartner gesuchtDer konkrete Initiativtext soll in den nächsten Monaten ausgearbeitet werden. Mit der Unterschriftensammlung möchte die Lobag im kommenden Herbst oder Winter starten - möglichst nicht allein. Sie möchte deshalb Partnerschaften aufbauen. Die Grünen haben bereits Interesse signalisiert.In Zürich wurde eine Kulturland-Initiative der Grünen vom Volk angenommen; die Umsetzung ist hängig. Das Begehren hat allerdings die Zürcher Landwirte entzweit. Das soll sich in Bern nicht wiederholen.Lobag-Präsident Rüegsegger gab am Donnerstag die Stossrichtung vor. «Wir wollen kein radikales Entwicklungsverbot», betonte er gegenüber Radio SRF. «Aber oft sind die Bauzonen am falschen Ort. Und mit verdichtetem Bauen ist auch auf dem Land ein sparsamerer Umgang mit dem Boden möglich.»

Berner Bauern wollen Kulturlandinitiative lancieren

http://www.schweizerbauer.ch/politik--wirtschaft/agrarpolitik/berner-bauern-wollen-kulturlandinitiative-lancieren-10103.html
(11. April 2013)

Die stetige Bautätigkeit verschlingt in der Schweiz täglich mehrere tausend Quadratmeter produktives Landwirtschaftsland. Auch im grössten Agrarkanton besteht Handlungsbedarf. Mit einer kantonalen Initiative will die Lobag im Kanton Bern dem Landverschleiss entgegentreten.

Die Schweiz wird zunehmend zugebaut. Im Mittelland fallen viele wertvolle Ackerflächen neuen Bauten zum Opfer. Pro Sekunde wird in der Schweiz ein Quadratmeter verbaut, das entspricht einer Fläche von rund elf Fussballfeldern. Doch in der Bevölkerung regt sich Widerstand gegen die „ungebremste Bauwut“. So stimmte das Schweizer Volk dem revidierten Raumplanungsgesetz zu, die Zürcher Stimmberechtigen sagten vergangenen Juli überraschend Ja zur Kulturlandinitiative. Die Kulturlandinitiative will, dass nur noch Böden überbaut werden dürfen, die für die landwirtschaftliche Nutzung nicht geeignet sind. Fruchtfolgeflächen, die nicht eingezont sind, dürfen demnach nicht mehr überbaut werden.

Diese hat nun auch die Berner Bauern ermuntert, eine kantonale Initiative mit ähnlichem Inhalt aufzugleisen. Wie die Lobag am Donnerstag in einem Communiqué schreibt, stehe das Kulturland durch das Ausbreiten von Wohnraum, Verkehrinfrastruktur, Renaturierungen, Verwaldung und Verbuschung unter Druck. Dies führe unter anderem dazu, dass der Kanton Bern die nationalen Vorgaben bezüglich Fruchtfolgeflächen nicht mehr zu erfüllen vermag. Bei Nutzungsinteressen werde in der Regel gegen das Kulturland entschieden. Nun soll das Kulturland nach dem Vorbikd es Waldes geschützt werden.

Die Delegierten der Lobag haben am Donnerstag grossmehrheitlich (274 Ja-Stimmen, eine Gegenstimme, vereinzelte Enthaltungen) die Lancierung einer kantonalen Initiative zum Schutz der produktiven Landwirtschaftsflächen zugestimmt. Nun folgen die Ausarbeitung des Initiativtexts und die Suche nach Partnern, heisst es weiter. Mit dem Sammeln von Unterschriften könnte ab kommenden Herbst oder Winter gestartet werden.

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2013.04.01

Ruf nach Raumplanung und Schutz für die Landschaft auch in Österreich
Die Zersiedelung macht vor Landesgrenzen nicht halt. Auch in Österreich wird über die Verschandelung der Landschaft geklagt. Ein Beispiel dafür habe ich auf einer Reise durch Österreich südlich von Zell am See gefunden. Dort ist die Landschaft nicht nur mit Industrie- und Gewerbebauten, sondern auch mit Einkaufszentren von fraglichem Nutzen für das Gemeinwohl verbaut worden. Der Kurort Zell am See wird durch dieses Quartier stark bedrängt und hat viel von seinem Charme verloren.
Ein weiterer Ort, der durch eine Großüberbauung verunstaltet worden ist, ist Liezen. Zufällig fanden wir in unserem Hotel in Graz einen Artikel dazu, welcher eben dieses Beispiel von Zersiedelung zum Aufhänger für einen lesenswerten Artikel gemacht hat:

Die Verschandelung der Landschaft

Der Artikel bezieht sich auf ein kürzlich erschienenes Buch:

Tarek Leitner. Mut zur Schönheit: Streitschrift gegen die Verschandelung Österreichs. Brandstätter Verlag (Wien und Münnchen) 2012.


2013.03.03

Raumplanungsgesetz für die Schweiz angenommen
Das Raumplanungsgesetz ist am 3. März mit 63% Ja-Stimmen angenommen: Das ist ein schöner Erfolg.
Nun gilt es darüber zu wachen, dass es sinngemäß angewandt wird und nicht mit allen möglichen Tricks umgangen wird.


2013.02.21

Änderungen im Raumplanungsgesetz (RPG): Retten, was noch zu retten ist
Ein griffiges Raumplanungsgesetz ist nötig; leider ist viel Zeit verloren gegangen, und viele Fehler sind nicht mehr rückgängig zu machen. Schon vor dreißig Jahren wurde die Zersiedelung des Landes beklagt. Als Antwort darauf wurde von den eidgenössichen Räten ein fortschrittliches eidgenössisches Raumplanungsgesetz erarbeitet und großmehrheitlich gutgeheißen. Leider wurde es aber in einem Referendum von 1976 knapp verworfen.
Die akutelle Vorlage versucht die Entwicklung endlich in den Griff zu bekommen.
Kompakte Siedlungen sind zu schaffen, Kulturland soll erhalten bleiben, brachliegende Flächen sollen genutzt werden. Zu den letzteren wird allerdings auch eingezontes Land gerechnet, welches noch landwirtschaftlich genutzt wird.
Einzonungen sind jedoch grundsätzlich immer noch möglich, wenn die Bauzone insgesamt dem Bedarfe für die nächsten fünfzehn Jahre entspricht, wie im Kanton Bern bereits jetzt, doch neu ist eine Mehrwertabschöpfung von 20% zwingend - eigentlich eine Selbstverständlichkeit, da für die Gemeinden durch die Erschließung der Grundstücke auch Kosten entstehen.
Einige Bemerkungen zu den Änderungen im RPG:
1. Zwar ist Kulturland, insbesondere Fruchtfolgeflächen, zu schützen, und Natur und Landschaft sind zu schonen. Ich hätte mir aber gewünscht, dass insbesondere das Kulturland ebenso streng geschützt wird wie der Wald, und das ist nicht leider der Fall.
2. Die Definition des Bedarfs bei den Bauzonen für 15 Jahre ist auf jeden Fall willkürlich, auch wenn auf die bisherige Entwicklung abgestellt wird. Bisher ist das Siedlungsgebiet fast in allen Gegenden erweitert worden. Das RPG neuer Lesart verhindert die Überbauung des Mittellandes in Zukunft nicht, wenn es sie auch in geordnetere Bahnen zu lenken versucht.
3. Natürlich ist verdichtetes Bauen angesagt, gerade in den Zentren, doch es ist nicht immer und überall die richtige Antwort. Das Wachstum der Wirtschaft sollte nur noch qualitativ sein, dass heißt in den vorhandenen Industrie- und Gewerbezonen sollte die zunehmende Wertschöpfung nicht mehr Boden als bisher beanspruchen und uns nicht noch mehr Verkehr bringen. Davon ist im Raumplanungsgesetz nach wie vor nicht die Rede.
4. Das RPG überlässt die Ausführung den Kantonen. Es wird sich weisen, ob das überall zu getreuen Handen geschieht.
Das Raumplanungsgesetz bringt dennoch Fortschritte, deshalb empfehle ich es zur Annahme. Entscheidend ist dann, dass es auch wirklich angewandt und nicht immer wieder umgangen wird.


2013.01.10

Niederbipp sucht gut situierte Zuzüger
In der BZ vom 22.02.2013 ist zu lesen, dass Niederbipp in einer Broschüre auflistet, wer im Dorf wo Bauland anbietet. Das Ziel ist es, dieses Bauland schneller der Überbauung zuzuführen. Erst wenn diese Parzellen genutzt worden sind, wird es möglich sein, auch am Jurahang für Villen Bauland einzuzonen, welches Leute mit höherem Einkommen anziehen könnte.

http://www.bernerzeitung.ch/region/emmental/Die-Baulandvermarkter-der-Gemeinde-/story/11453604


2013.01.10

Bell hält unverdrossen an Oensingen fest und will 2018 Schweinezerlegerei eröffnen
Bell scheint gegenwärtig zu florieren, wenn man das von einem Schlachtunternehmen überhaupt sagen kann. Ob die Aussichten mittel- und langfristig ebenso rosig sind, bleibt offen:
In den Schweizer Mastbetrieben essen die Tiere großenteils Importfutter. Wenn dieses einmal wesentlich teurer wird - und das ist durchaus wahrscheinlich -, ist die Mast bei uns nicht mehr rentabel und bricht ein. Dann haben wir in unseren Schlachthäusern Überkapazitäten. Denn für Futteranbau reicht unser Boden je länger desto weniger, die Acker- und Weideflächen reichen bald einmal nicht einmal mehr für vegetarische Kost, da ja die Bevölkerung durch Zuwanderung gewaltig wächst und das Land erbarmungslos in großem Tempo zubetoniert wird.
Vielleicht gelingt es Bell, sich in Oensingen durchzusetzen. Die Stimmbürger haben ja auch in der Vergangenheit ihr Dorf ohne viel Gegenwehr zumüllen lassen, und die Dorfregierung ist offenbar auf diese Entwicklung sogar stolz. Wenn dann der zusätzliche Verkehr noch kommt, folgt das böse Erwachen; aber dann wird vermutlich die Flucht nach vorn angetreten, und es werden noch mehr Straßen gebaut.


2013.01.08

Verdichtetes Bauen als Ei des Kolumbus?
Dass mit dem Boden sparsam und nachhaltig umgegangen werden sollte, ist außer Zweifel. Gerade in städtischen Gebieten ist durchaus auch Verdichtung angesagt, nur sollten Hochbauten, die von weit her sichtbar sind, architektonisch wirklich überzeugen und nicht einfach Umsetzung von Basteleien mit Legobausteinen sein. Was das Projekt in Ostermundigen angeht, teile ich Herrn Gerbers Zweifel. Doch gegenwärtig läuft ja gerade noch die Mitwirkungsfrist, und wer gute Vorschläge einbringen kann, ist dazu eingeladen, das zu tun: http://www.ostermundigen.ch/de/aktuelles/mitwirkungen/ueo_baeren_hochhaus/
Ich teile jedoch auch die Meinung der Herren Audergon und Kaiser, dass das Bevölkerungswachstum durch Zuwanderung, welches wir in den letzten Jahren erlebt haben, widersinnig ist. Es wird in kauf genommen oder gefördert, nur damit die Wirtschaft wachsen kann und verhältnismäßig wenige Leute daraus Profit schlagen können. Für die meisten von uns sind die Folgen nachteilig: Es gibt mehr Verkehr, teurere Wohnungen und weniger Landschaft. Immer weniger Leute in unserem Lande können zu Hause aus zu Fuß rasch ins Grüne gelangen, dorthin wo es innerhalb von 500 Metern keine Häuser gibt. Der Lebensstandard der meisten Leute in der Schweiz hat in den letzten zehn Jahren stagniert, die Lebensqualität ist sogar zurückgegangen.
Wie weit sind wir denn gekommen, wenn es unanständig sein soll, in einem Haus mit Umschwung zu leben und einen Garten zu halten, vielleicht auch Gemüse und Obst zu ziehen, wenn man das denn will? Wir sind schon heute so zusammengepfercht, dass viele Leute wie in Käfigen wohnen. Die Geburtenrate ist in unserem Lande so niedrig, dass eigentlich die Bevölkerung zurückgehen müsste. Das heißt nicht, dass es keine Ein- und Auswanderung geben soll. Doch der Saldo müsste eigentlich negativ sein: Das würde helfen, die Schweiz vom Siedlungsdruck, den wir erleben und den die meisten von uns beklagen, zu befreien.
Leider aber leben wir auf Pump: Wir verbauen und verschwenden unser Land, vertrauen auf billige Lebensmittelimporte bis in alle Zukunft und schaffen Verkehrsprobleme, die nicht mehr zu lösen sind. Von sozialem Zündstoff ganz zu schweigen.


2013.01.03

Das Sparpaket des Kantons Bern: noch stets Trauer um die abgelehnte Ecotax
und Wut auf den erfolgreichen Volksvorschlag

Das nachträgliche Wehklagen der Verliererseite wird immer peinlicher. Ecotax war eine schlechte Vorlage: Mit der Privilegierung von Elektrofahrzeugen wäre der CO2-Ausstoß nur zu den Lieferanten des zusätzlich benötigten Stroms verschoben worden, denn CO2-neutral wäre die Produktion desselben keineswegs gewesen.
Nun sind die Motorfahrzeugsteuern im Kanton Bern im Schweizer Mittel; vorher haben wir jahrzehntelang mehr gezahlt als andere. Nun sieht es so aus, als ob Schulen und Spitäler und was weiß ich alles mit diesem Geld finanziert worden seien: Das ist natürlich Unsinn. Der Fehler liegt bei RR Simon, die beim Budget bereits vor der Abstimmung von der Ecotax ausging. Wenn der Beitrag der Motorfahrzeugsteuern zum Gemeinwohl so wichtig war, wie jetzt glauben gemacht wird, dann hätte der Große Rat gar nichts ändern sollen, und wir würden fröhlich weiter die hohen Steuern zahlen wie früher.
Natürlich sollten Pendler möglichst im Zug oder Bus fahren statt im Privatwagen. Es hat auch keinen Sinn, immer mehr Straßen zu bauen oder Straßen auszubauen, denn das hat nur mehr Straßenverkehr und Zersiedelung zur Folge. Aber auch der öffentliche Verkehr kann nicht beliebig ausgeweitet werden; die Schmerzgrenze wird bald einmal erreicht sein. Auch der öffentliche Verkehr belastet die Umwelt und ist nicht wirklich nachhaltig.


2012.12.31

Wort des Jahres: die zugemüllte Landschaft
Wir können unseren Schreibtisch zumüllen oder unser E-Mail-Postfach wird zugemüllt. Neuerdings wird das Wort auch auf unseren Lebensraum angewandt; jedenfalls ist diese Verbindung in der Schweiz angekommen. Gegen Ende dieses Jahreshabe ich mehrmals in den Medien gehört und gelesen, dass das Land durch Bauten immer mehr zugemüllt werde. Ob diese Bedeutungsvariante von zumüllen überhaupt erst im Jahre 2012 entstanden oder doch schon vorher verwendet worden ist, dieser Frage bin ich nicht nachgegangen.
Wie auch immer, es wird nicht mehr nur vom Zubetonieren der Landschaft gesprochen, sondern auch vom Zumüllen. Dieser Sprachgebrauch scheint doch ein wachsendes Bewusstsein dafür zu sein, dass wir mit der ungebremsten Zersiedelung unseres Landes den falschen Weg eingeschlagen haben. Hoffentlich wird das neue Raumplanungsgesetz im kommenden Jahre angenommen. Von selbst wird das nicht geschehen, denn es gibt namhafte Gegenkräfte, die weiter mit dem Boden Raubbau treiben wollen.
Auch mit der Annahme des Gesetzes ist es dann noch nicht getan; es muss auch noch befolgt, umgesetzt werden. Wir werden uns weiterhin in unserer engeren Heimat dafür einsetzen müssen, dass die offene Landschaft erhalten bleibt, jedenfalls das, was von ihr übrig geblieben ist. Was regional von großer Bedeutung ist, wird oft landesweit gar nicht wahrgenommen, und wenn doch, dann bleibt die politische Verantwortung dennoch in der Region. Bei uns, jedenfalls im Oberaargau, können sogar die Gemeinden selbst entscheiden: Ich meine damit nicht die Gemeinderäte, die vorwiegend immer noch an mehr Industrie, mehr Straßen und mehr Einwohnern interessiert sind und sich dadurch mehr Wohlstand versprechen. Dabei bleibt aber die Lebensqualität auf der Strecke. Nein, ich meine die Stimmbürger, die an der Gemeindeversammlung oder in Gemeindeabstimmungen, nötigenfalls mit einem Referendum, das letzte Wort haben.


2012.12.31

Zitat des Jahres aus unserer Region
Gemeindepräsident Markus Fluri anlässlich einer (Des)informationsveranstaltung:

"Mir hei haut afen urbani Verhäutniss!" Er meinte damit Oensingen.


2012.12.31
Widersprüchliche Signale aus Oberbipp
Oberbipp hat in den letzten Jahrzehnten ein großes Industrie- und Gewerbegebiet um die Tanklager herum geschaffen. Dort hat sich das Metallbauunternehmen Korff angesiedelt, und vor einiger Zeit hat Schöni eine Sauerkrautfabrik gebaut. Diese wirkt nach einigen Nachbesserungen so, dass die Geruchsemissionen in einem erträglichen Rahmen bleiben. Im Westen des Dorfes hat Volg ein Logistikzentrum für die westliche Schweiz errichtet. Dieses zerschneidet leider die offene Landschaft zwischen Oberbipp und Wiedlisbach, doch bleibt die Beeinträchtigung gerade noch in einem erträglichen Rahmen.
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